„Mein Kindheitstraum war, dass ich irgendwann den Nibelungenschatz heben würde …“

Wie kommt frau als promovierte Archäologin zum Lektorat und was macht sie gerne in ihrer Freizeit? Das und noch viel mehr beantwortet uns Dr. Wanda Löwe, langjähriges VFLL-Mitglied und Delegierte der Berliner Regionalgruppe.

Was war als Kind dein Berufswunsch? Hattest du schon eine Idee, womit du später dein Geld verdienen wolltest?

Die Berufswünsche ändern sich ja schnell bei Kindern, aber ich wollte schon sehr früh Archäologin werden. Ich erinnere mich, dass ich meinen Lateinlehrer in der 5. Klasse damit verblüfft habe, dass ich auf seine Frage, warum wir Latein lernen wollen, geantwortet habe, dass ich alte Texte lesen und verstehen will, während viele meiner Mitschüler*innen so etwas sagten wie „weil meine Eltern sagen, dass Latein eine gute Grundlage für andere Sprachen ist“ oder „weil meine Geschwister schon auf dieser Schule sind“. Mein damaliger Traum als begeisterte Leserin der deutschen Heldensagen war es, dass ich irgendwann den Nibelungenschatz heben würde …

Wie verlief dann dein beruflicher Werdegang und wie kamst du zum Lektorat?

Dr. Wanda Löwe, Regionalgruppe Berlin, Foto: privat

Ich habe dann tatsächlich Archäologie studiert und bin sozusagen als Quereinsteigerin zum Lektorat gekommen. Es fing damit an, dass wir Kommiliton*innen wechselseitig unsere Abschlussarbeiten Korrektur lasen. Und es ging weiter in einem Volontariat in der Kassler Antikensammlung, wo ich an Katalogen mitgearbeitet und auch die Redaktion übernommen habe. Viel über die Abläufe, über Layout, über die Dinge, auf die man achten muss beim Lektorieren, habe ich von einem Grafiker gelernt, der für das Museum gearbeitet hat. Der hat mir dann auch mal in aller Freundschaft gesagt, als ich mit der x-ten Korrekturschleife kam, dass irgendwann mal Schluss sein muss mit Änderungen.

Nach dem Volontariat wollte ich eigentlich am Museum arbeiten – aber gerade für Archäologen sind Museumsstellen dünn gesät. In dieser Zeit habe ich nebenbei weiter Redaktionsaufträge übernommen und irgendwann gemerkt, dass ich quasi über Nacht in einen neuen Beruf hineingerutscht bin. Die Entscheidung für die Freiberuflichkeit war dann angesichts frustrierender Absagen fast eine Erleichterung.

Wir träumen uns in Corona-freie Zeiten: Würdest du nach wie vor gerne hinaus in die Welt? In Auslandsinstituten arbeiten und gar an Ausgrabungen teilnehmen? Oder ist das Lektorat, das du mit den Themen, die dich interessieren, verbinden kannst, inzwischen zu deinem Traumberuf geworden?

Manchmal würde ich schon noch gern ins Ausland und dort an einem Grabungsprojekt mitarbeiten. Als freie Lektorin habe ich inzwischen tatsächlich beim Deutschen Archäologischen Institut (das seinen Hauptsitz hier in Berlin hat) angedockt. So „darf“ ich jetzt das, was andere ausgegraben haben, zumindest auf dem Papier betreuen. Aber manchmal wäre es natürlich netter, man würde nicht nur am heimischen Schreibtisch über den Anmerkungen der Autor*innen brüten, sondern könnte quasi als Dienstreise die Orte, von denen die Texte handeln, besuchen …

Seit wann bist du im VFLL und hast du dich gleich zu Beginn schon engagiert? Ich kenne dich als engagierte Regionalratsdelegierte der Berliner Gruppe.

Im VFLL bin ich seit 20 Jahren, also fast seit den Anfängen. Engagiert habe ich mich zunächst in einer 2002 oder 2003 gerade entstandenen Webredaktion. Später war ich einige Zeit stellvertretende Sprecherin der Berliner Regionalgruppe. Damals gab es noch keinen Regionalrat, sondern einen „erweiterten Vorstand“, in dem auch die RG-Sprecher*innen vertreten waren. Dadurch habe ich auch Geschmack an der überregionalen Verbandsarbeit gefunden. Und wenn man lange dabei ist, kennt man halt viele Verbandskolleg*innen, und wenn man sich sieht, ist das dann fast wie bei einem Familientreffen.

Bist du eigentlich Berlinerin?

Nein, ich bin „erst“ vor 20 Jahren nach Berlin gekommen – das zählt hier ja nicht, wenn man nicht schon vor dem Mauerfall in dieser Stadt gelebt hat. Aber meine Mutter kommt aus Berlin.

Wenn du nicht gerade über einem Ausstellungskatalog sitzt oder über Beschriftungen sinnierst, was machst du dann gerne? Was sind deine Hobbys oder Leidenschaften?

Ich höre gern Musik und gehe gern ins Konzert und in die Oper – für beides habe ich auch ein Abo, das derzeit leider ruht. Einige Jahre habe ich ehrenamtlich in der Liebermann-Villa am Wannsee mitgearbeitet – das war ein schöner Ausgleich zur Schreibtischtätigkeit und die Fahrt an den Wannsee war oft wie ein Aufbruch in einen Kurzurlaub. Ansonsten spiele ich gern, habe auch zwei Spielerunden – und entdecke in Corona-Zeiten die Freuden des Online-Spielens, besonders beim regelmäßigen Scrabble mit meiner Schwester. Und wenn ich Zeit hätte bzw. wenn es wieder möglich ist, würde ich gern mein Neugriechisch wieder aufpolieren.

Interview: Sibylle Schütz
Beitragsfoto: (c) JamesDeMers/pixabay 


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Ein Gedanke zu „„Mein Kindheitstraum war, dass ich irgendwann den Nibelungenschatz heben würde …“

  1. Carola Hoécker

    Schöner Beitrag! Solche Kindheitsträume sollte man nicht aufgeben. Grüße aus dem Rhein-Neckar-Kreis nach Berlin.

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