„Umwege erhöhen die Ortskenntnis“

Die Tiermedizinerin Dr. Anja Becker hat vor fünf Jahren das Stethoskop gegen den Rotstift eingetauscht und genießt seitdem eine abwechslungsreiche Arbeit im Lektorat. Im Interview erzählt sie, wie sich ihr beruflicher Weg entwickelt hat, welche Herausforderung für sie die Leichte Sprache beinhaltet und warum sie manchmal gern auch den Schreibtisch gegen einen Seminarraum eintauscht.

Mit deinem Angebot „Lektorat für die Medizinbranche“ bist du seit 2015 am Markt. Wie kam es dazu, dass du das Stethoskop gegen den Rotstift getauscht hast?

Dass ich zum Lektorat gekommen bin, war reiner Zufall. Ich bin ja von Haus aus Tierärztin. Es kam so, dass eine gute Freundin von mir, auch Tierärztin, bei mir anfragte, ob ich die Doktorarbeit ihrer Kollegin korrigieren könne. Deren Lektorin sei nämlich abgesprungen. Ehrlich gesagt, der Begriff Lektor war mir bis dahin noch nie untergekommen. Außer in der Kirche. Also googelte ich. Dank der Website des VFLL konnte ich mich umfassend schlau machen. Also lektorierte ich. Und das machte mir so viel Spaß, dass ich das ab dem Zeitpunkt ausschließlich machen wollte, um meine Brötchen zu verdienen.

Beruflich habe ich ja vorher viel im Medizinbereich gemacht, habe in ganz verschiedenen medizinischen Berufsfeldern gearbeitet. Das ist ja das Schöne: Mit einem (Tier-)Medizin-Studium hat man viele Möglichkeiten. Aber so richtig glücklich war ich bei keiner Stelle, irgendwas fehlte immer. Ich war immer neugierig auf mehr. So fiel mir der Schritt in die Selbstständigkeit als Lektorin überhaupt nicht schwer. Jetzt habe ich immer Abwechslung! Immer die neuesten medizinischen Erkenntnisse bekomme ich zu lesen, aus allen möglichen Bereichen: von Orthopädie über künstliche Intelligenz in der Medizin bis hin zur Palliativmedizin. Zu 90 Prozent kommen meine Projekte aus der Humanmedizin. Das empfinde ich als besonders bereichernd.

Gibt es etwas, was dir heute aus deiner Zeit als praktizierende Tierärztin besonders förderlich ist?

Alles, was ich bisher beruflich gemacht und erlebt habe, kommt mir jetzt als Lektorin zugute. Nicht nur meine Tätigkeit als praktizierende Tierärztin im Stall oder am Behandlungstisch. Eine Kollegin sagte vor Kurzem zu mir: „Umwege erhöhen die Ortskenntnis.“ Absolut! Von jedem Umweg profitiere ich jetzt. Überall habe ich Erfahrungen gesammelt. Während meiner Kindheit hatten wir zu Hause alle möglichen Tiere; da entstand auch der Wunsch, Tierärztin zu werden. Der Rest ergab sich quasi immer wie von selbst: Ich arbeitete als praktizierende Tierärztin in der Pferdefahrpraxis einer Klinik, war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Charité in Berlin, wo ich auch meine Doktorarbeit schrieb, war Tierhausleiterin an einer Uni und Angestellte bei zwei Pharmafirmen für human- bzw. tiermedizinische Produkte. Als Prüfleiterin in der präklinischen Forschung bekam ich auch einen Einblick in die Versuchstierkunde. Bei all den beruflichen Stationen habe ich den medizinischen Jargon verinnerlicht. Und in jeder Position hatte ich mit Texten zu tun: mit Gutachten, mit Tierversuchs- und Tierhaltungsanträgen, mit Arzneimittelberichten. Am meisten habe ich wohl im Rahmen meiner Forschungen und beim Schreiben meiner Doktorarbeit gelernt. Ich hatte da auch viel Glück und ein tolles Team um mich, das mir viel beigebracht hat.

Aber mir kam für meine freiberufliche Tätigkeit nicht nur das zugute, was unmittelbar die Medizin und Texte betrifft. Als Selbstständige muss man ja viel mehr können. Telefonieren zum Beispiel. Direkt nach der Schule habe ich eine Ausbildung zur Tierarzthelferin absolviert. Was hatte ich damals Angst vor den Telefonaten mit den Landwirten, Pferdebesitzern und Kleintierhaltern, die anriefen, um einen Termin auszumachen – vor allem, wenn sie einen Notfall hatten! Da könnte ich Geschichten erzählen! Aber das würde hier zu weit führen. 😉 Heute mag ich es besonders, mit den Leuten direkt in Kontakt zu treten. Da ich im gesamten deutschsprachigen Raum Kunden habe, ist das Telefon neben E-Mails mein wichtigstes Kommunikationsmittel.
Was sicher auch für meinen jetzigen Arbeitsalltag von Vorteil ist: dass ich Texte von jeder Seite beleuchten kann. Eben auch aus Sicht eines Patienten oder eines Tierhalters, nicht nur als (Tier-)Medizinerin. Das hilft mir, für die jeweilige Zielgruppe Texte so zu optimieren, dass sie gut verstanden werden.

Neben dem Lektorat übersetzt du Texte in Leichte Sprache. Was daran ist für dich reizvoll?

Übersetzungen in Leichte Sprache sind eine besondere Herausforderung, weil man komplexe Sachverhalte, in meinem Fall im Bereich Medizin, auf ein ganz einfaches Maß herunterbrechen und so formulieren muss, sodass sie für die Zielgruppe gut verständlich sind. Außerdem finde ich es total wichtig, dass medizinische Informationen für alle schwarz auf weiß verfügbar sind. Auch für diejenigen, die mit der Sprache Schwierigkeiten haben.

Welche Fähigkeiten sind bei der Übersetzung in Leichte Sprache gefordert?

Bei Übersetzungen in Leichte Sprache muss man sich besonders gut in die Leserinnen und Leser hineinversetzen können. Zu dieser Zielgruppe gehören Menschen mit Lernschwierigkeiten, aber auch Geflüchtete, die noch wenig Deutsch verstehen, oder Patienten, die kognitiv beeinträchtigt sind, zum Beispiel nach einem Schlaganfall. Meine Aufgabe ist es, in den Texten nur die Kernaussagen stehen zu lassen. Medizinisches Drumherum muss ich weglassen. Manchmal muss ich aber auch etwas ergänzen, um etwas verständlicher zu machen. Übersetzungen in Leichte Sprache sind also keine Eins-zu-eins-Übersetzungen.
Um sicherzugehen, dass meine Texte von der Zielgruppe auch verstanden werden, lasse ich meine Übersetzungen in Leichte Sprache von einem entsprechenden Büro auf Verständlichkeit kontrollieren. Die Inhaberin habe ich auf einem Themenabend des VFLL kennengelernt. Unter anderem kontrolliert sie mit zwei Prüferinnen, die selbst Lernschwierigkeiten haben, Texte in Leichter Sprache. Das ist immer eine Spannung, bis ich die Freigabe für einen Text bekomme! Alle so geprüften Texte erhalten übrigens das Siegel für Leichte Sprache von Inclusion Europe. Das ist also ein Zeichen der Qualitätssicherung.

Was ich ganz lustig bei einem solchen Übersetzungsauftrag finde, ist zu beobachten, wie mein Gehirn umschaltet in Leichte Sprache, also eine mit sehr einfacher Wortwahl und sehr kurzen Sätzen. So kommt es, dass ich im Anschluss an die Bearbeitung in meiner Freizeit auch in Leichter Sprache denke oder private Texte mit ganz anderen Augen betrachte. Das dauert dann ein paar Stunden, bis sich mein Gehirn wieder auf „normal“ umgestellt hat.

Außerdem bietest du deine Dienste als Schreibcoach an. Genießt du die Abwechslung, deinen Schreibtisch gegen einen Seminarraum einzutauschen? Was macht dir daran vor allem Freude?

Als Referentin tätig zu sein, macht mir insgesamt viel Freude. Ich fühle mich zwar in meinem Arbeitszimmer daheim nicht einsam, weil ich ja doch beruflich viel mit anderen Leuten in Kontakt trete: mit den Kund*innen per E-Mail oder Telefon und mit meinen Kolleg*innen aus meinem Netzwerk. Aber mal rauszukommen ist auch schön. Da hat man die unmittelbare Interaktion mit den Doktorand*innen oder Autor*innen, bekommt sofort ein Feedback. Wer hat wie viel Vorwissen, wer benötigt noch mehr Erklärungen, wer möchte noch mehr üben? Da kann ich dann direkt darauf eingehen. Besonders gefällt mir auch der Spaß, den wir bei der gemeinsamen Textarbeit haben.

Interview: Katja Rosenbohm
Beitragsfoto (groß): Dr. Anja Becker / Fotostudio Am Kurfürstenplatz


Dr. Anja Beckers Website und Profil im VFLL-Verzeichnis


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