„Ich wollte Familienmediatorin werden“

Seit mehr als 12 Jahren entwickelt Nicola Pridik juristische Schaubilder, die über die Jahre zu ihrem Markenzeichen geworden sind. Dabei verfolgte die Berliner Juristin zunächst ganz andere Pläne. Wie die VFLL-Kollegin von ihrem ursprünglichen Berufswunsch zur Rechtsvisualisierung kam, wie ihre Arbeit als Lektorin aussieht und welchen Vorteil Schaubilder gegenüber Texten bieten, schildert sie im folgenden Blogbeitrag.

Du bist von Haus aus Juristin. „Rechtsinformationen verständlich und anschaulich aufbereiten“, so beschreibst du dein Angebot auf der Website. Wie hast du das Lektorieren entdeckt?

Eher zufällig, denn meine beruflichen Pläne sahen zunächst völlig anders aus. Als ich Mitte der 1990er-Jahre mit dem Jurastudium begann, hatte ich gerade meinen Abschluss als Diplom-Sozialarbeiterin (FH) gemacht und ein klares Ziel vor Augen: Ich wollte Familienmediatorin werden. Dieser Wunsch hielt sich über viele Jahre. Nach dem Ersten Staatsexamen bot sich dann endlich die Chance, erste eigene Erfahrungen in der Trennungs- und Scheidungsberatung zu sammeln. Bis dato kannte ich die Arbeit nur aus einem halbjährigen Praktikum. Da die Anstellung auf wenige Stunden in der Woche beschränkt war, bewarb ich mich außerdem an der Uni, an der ich zuvor studiert hatte, als Mitarbeiterin an einem Lehrstuhl. Dabei ging es mir hauptsächlich darum, meinen Lebensunterhalt zu sichern. Damals ahnte ich noch nicht, dass ich in diesem Job die Rechtsvisualisierung für mich entdecken würde.

Zudem hatte ich am Lehrstuhl viel mit Manuskripten zu tun, die publiziert werden sollten. Insbesondere erinnere ich mich an ausgiebige Korrekturrunden mit einer Kollegin, die viel Spaß machten, weil wir beide ähnlich pingelig mit Texten umgingen. Ich glaube, da habe ich erstmals wahrgenommen, dass ich nicht nur den Drang verspürte, Texte optimieren zu wollen, sondern es auch ganz gut hinbekam.

Später, als ich mit der Rechtsvisualisierung in die Selbstständigkeit startete, übernahm ich dann auch erste Lektoratsaufträge. Der Grund war nicht, dass ich Lektorin werden oder sein wollte. Vielmehr merkte ich, dass ich damit Geld verdienen konnte und das kam mir sehr gelegen. Für Rechtsvisualisierung hat sich damals nämlich kaum jemand interessiert und ich brauchte einfach mehr als ein Standbein, um mit meinem Traumjob überhaupt eine Perspektive zu haben.

Heute weiß ich, dass Rechtsvisualisierung und Lektorat in der juristischen Informationsvermittlung das gleiche Ziel verfolgen, nämlich Recht strukturiert zu vermitteln. Es klingt simpel, aber es hat tatsächlich ein paar Jahre gedauert, bis mir das klar wurde. Seitdem biete ich sehr bewusst und aus Überzeugung auch Textdienstleistungen an – übrigens nicht nur Lektorat, sondern auch die Formatierung von Texten in Word.

Kannst du näher erklären, wo du den Zusammenhang zwischen Rechtsvisualisierung und Lektorat in der juristischen Informationsvermittlung siehst?

Bei der Rechtsvisualisierung geht es in erster Linie darum, Strukturen und Zusammenhänge sichtbar zu machen. Diese sind im Recht für das Verstehen von Inhalten von erheblicher Bedeutung. Genau aus diesem Grund müssen sie aber auch in Texten, die über das Recht informieren, sauber herausgearbeitet werden. Das, was bei der Vermittlung von Rechtsinformationen idealerweise im Kopf juristischer Autor*innen und beim Visualisieren von Recht in meinem Kopf passiert, ist also letztlich dasselbe, nur das Ergebnis ist in dem einen Fall ein Text und im anderen ein Bild. Beide Medien können unabhängig voneinander gedacht und hergestellt werden. Wenn ich aber die Inhalte eines Textes zu einem Schaubild verarbeiten soll, merke ich jedes Mal, dass dies wesentlich leichter ist, wenn der Text gut strukturiert ist. Umgekehrt ist es ebenso: Das strukturierte Schreiben fällt leichter, wenn es bereits ein Schaubild zum Inhalt gibt, an dessen Struktur man sich beim Aufbau des Textes orientieren kann. Diese Zusammenhänge sind auch für die Adressat*innen der Informationen von Bedeutung, denn sie müssen die Strukturen und Inhalte ja nachvollziehen. Geradezu ideal ist es für sie, wenn Schaubild und Text sich in der Weise ergänzen, dass das Schaubild die im Text angelegte Struktur visualisiert und der Text die Inhalte des Schaubildes beschreibt.

Wie bist du darauf gekommen, juristische Schaubilder zu entwickeln? Sie sind ja inzwischen zu deinem Markenzeichen geworden.

Es begann – wie gesagt – mit der Arbeit am Lehrstuhl. Mein damaliger Chef war dafür bekannt, dass er sich sehr in der Lehre engagierte, deshalb habe ich mich überhaupt an seinem Lehrstuhl beworben. Und irgendwann arbeitete ich dann an seinen Lehrmaterialien mit. Anfangs baute ich lediglich seine handschriftlichen Skizzen in PowerPoint nach. Später visualisierte ich auf der Grundlage verschiedener Lehrbücher ganze Vorlesungen in Eigenregie. Über die Jahre sind so viele Hundert Vorlesungsfolien zum Strafrecht entstanden. Außerdem konzipierte ich eine eigene Lehrveranstaltung zur Visualisierung von Recht mit PowerPoint und führte diese mehrfach an der Fakultät durch. All das hat mir so viel Spaß gemacht, dass klar war: Strukturieren und gestalten in der juristischen Informationsvermittlung ist genau das, was ich beruflich machen will.

Schaubild „Häusliches Arbeitszimmer im Steuerrecht” von Nicola Pridik

Schaubild-Beispiel von Nicola Pridik: „Wann sind die Kosten für ein häusliches Arbeitszimmer steuerlich absetzbar?“, (c) npridik.de

Von dem lang gehegten Wunsch, Familienmediatorin werden zu wollen, hatte ich mich zu diesem Zeitpunkt bereits wieder verabschiedet. In der Beratungsstelle war ich sehr unglücklich gewesen und hatte deshalb schon nach kurzer Zeit gekündigt. Offenbar passte mein Berufswunsch doch weniger zu mir, als ich gedacht hatte. Es fühlte sich also auch insofern rundum richtig an, einen ganz neuen Weg einzuschlagen.

Nur wie sollte ich meine neue Lieblingsbeschäftigung außerhalb der Uni in einen Beruf verwandeln? Vorbilder gab es dafür keine. Und erst recht keinen Arbeitsplatz in Festanstellung. Also blieb nur die Selbstständigkeit. Mittlerweile gibt es mein Büro seit fast 12 Jahren.

Gibt es auch Inhalte, die sich nicht in einem Schaubild erklären lassen?

Ja, durchaus. Juristische Schaubilder beschränken sich ja nur auf die Grundstrukturen. Gibt es diese nicht oder sollen darüber hinaus Informationen vermittelt werden, ist Text als Informationsmedium besser geeignet. Das gilt z. B. für die Vermittlung von Details, Argumenten und Hintergründen, für Formulierungsvorschläge und Beispiele. Auch diese sollten natürlich ansprechend aufbereitet sein. Das ist dann aber eher eine Frage der Formulierung, des Layouts, der Typografie und Formatierung. Eine Zwischenform sind Übersichten, bei denen es darum geht, ein Thema kurz und knapp auf einer Seite mittels einer Kombination aus Text, Formen und Icons darzustellen, ohne dass zugleich inhaltliche Strukturen vermittelt werden. Die Übergänge sind also zuweilen fließend. Auch daran sieht man wieder, dass visuelle und textliche Darstellung zusammen gedacht werden müssen.

Wie gehst du bei deiner Arbeit vor? Wirst du von Kund*innen mit Visualisierungen beauftragt oder setzt du überwiegend eigene Ideen um?

Ein paar eigene Ideen habe ich in den letzten Jahren in Bezug auf Sketchnotes umgesetzt. Ich wollte ausprobieren, ob meine Visualisierungsarbeit auch in einer handgezeichneten Variante möglich ist. Das waren aber Ausnahmen. Normalerweise werde ich mit Schaubildern und Präsentationen ebenso beauftragt wie mit Lektoraten und der Formatierung in Word. Meine Kund*innen sind in der Regel Jurist*innen in ganz unterschiedlichen beruflichen Rollen und Positionen, denen die klare Informationsvermittlung am Herzen liegt, die aber selbst nicht die Zeit dafür haben oder von sich selbst sagen, dass ihnen die nötigen Fähigkeiten fehlen. Manche empfinden es auch als Bereicherung, dass ich als Juristin einerseits mit fachlichem Blick, andererseits aber auch als Laiin auf ihr Thema schaue. Laiin deshalb, weil die Inhalte, die ich visualisiere, für mich in der Regel ebenso neu sind wie für die Zielgruppe, die informiert werden soll.

Als Arbeitsgrundlage liefern mir die Auftraggeber*innen im Idealfall einen Text mit allen nötigen Informationen. Bei PowerPoint-Folien erhalte ich vorbereitete Textfolien. Manch einer schickt mir auch eine erste Skizze mit. Dann gehts los: Ich arbeite mich in das Thema ein, halte Ausschau nach visualisierbaren Strukturen, entwickle Bild-Ideen und setze diese am Computer um. Das klingt einfach, ist aber bei Schaubildern häufig eine langwierige Puzzlearbeit, denn ich schiebe Textkästen und Pfeile so lange hin und her, bis die Zusammenhänge wirklich klar sind und das Ergebnis den Eindruck von Übersichtlichkeit und Ordnung vermittelt. Genau dieser mühsame Prozess soll den Adressat*innen ja erleichtert werden, indem man ihnen die Strukturen sofort in der nötigen Klarheit zeigt.

Manchmal schleichen sich auch Fehler in die Visualisierung ein. Dann habe ich den Inhalt offenbar falsch verstanden. Das ist einerseits unangenehm, andererseits aber auch ein ernst zu nehmender Hinweis darauf, dass der Text, der mir als Arbeitsgrundlage diente, nicht klar genug formuliert war. Visualisierungen fördern so etwas zutage, weil das Thema aus einer anderen Perspektive und mit dem Fokus auf die Strukturen betrachtet wird. So kommt man immer wieder auf die Zusammenhänge von Text und Visualisierung zurück.

Interview: Katja Rosenbohm
Beitragsfoto (groß): Nicola Pridik/ (c) Ralf Salecker


Nicola Pridiks Website und Profil im VFLL-Verzeichnis


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