Eckhaus Verlag Weimar

„Ich bin buchstäblich in den Beruf reingewachsen“

Katja Völkel ist nicht nur freie Lektorin und Mitglied im VFLL, sondern sie leitet zudem den Eckhaus Verlag in Weimar. Wie es dazu gekommen ist, warum sie schon immer von Büchern umgeben war und wie sie die verschiedenen Tätigkeiten unter einen Hut bringt, verrät sie uns im folgenden Interview.

Seit wann bist du freie Lektorin und was hat dich dazu bewogen, diesen Beruf zu ergreifen?

Den Schritt in die Selbstständigkeit habe ich im Frühjahr 2010 gewagt. Ich komme aus einer Familie, in der Literatur immer eine große Rolle spielte: Meine Mutter hat, als ich Kind war, als Buchhändlerin gearbeitet. Mein Vater ist Schriftsteller und hat nach der Wende einen Verlag gegründet. Seit ich denken kann und bevor ich lesen konnte, hat er mich immer zu Lesungen und Buchmessen mitgenommen. Bücher stapelten sich zu Hause in Regalen und waren in jedem Raum präsent. Wir waren so häufig bei Schriftstellerkollegen wie zum Beispiel Werner Lindemann oder Harry Thürk zu Besuch, dass ich da „reingewachsen“ bin.

Während zu Schulzeiten Mitschüler vor Diktaten immer Schweißausbrüche vor Angst bekamen, habe ich mich fast schon darauf gefreut, denn die waren eine sichere Bank für mich. Daher war mein Studium der Germanistik und Romanistik nur konsequent. Mit Buchstaben konnte ich immer viel besser als mit Zahlen. Das hat sich nie geändert.

Oft war ich später deswegen gefragt worden, ob ich nicht „mal schnell“ über den einen oder anderen Text lesen könnte. Durch die Netzwerke in der Welt der kleinen Verleger war ich nicht nur Erstleserin der Bücher im RhinoVerlag, den mein Vater damals leitete, sondern auch anderer Verlage. Und das wollte ich irgendwann nicht mehr nur für ’n Appel und ’n Ei machen. Außerdem habe ich bemerkt, wie leidenschaftlich gern ich an Texten arbeite und wie sehr mich Sprache fasziniert und fordert.

Hast du als Lektorin ein spezielles Fachgebiet?

Zu Anfangszeiten habe ich mich in ziemlich allen Bereichen ausprobiert, aber irgendwann bin ich bei der Belletristik hängen geblieben. Ich lektoriere für verschiedene Verlage in Deutschland und der Schweiz, aber auch Autorinnen und Autoren legen mir ihre Manuskripte auf den Tisch, damit sie nach meinem Lektorat mit mehr Selbstsicherheit einen Verlag oder eine Literaturagentur ansteuern können.

Biografien interessieren mich auch ungemein. Seit zwei Jahren lektoriere ich einen Großteil des Berner Cameo Verlags. Und durch meine Leidenschaft für Biografien kam ich auch zum Eckhaus Verlag – oder der Verlag zu mir, wie man es nimmt.

Spaß macht mir auch der kulinarische Bereich: Kochbücher und Gastronomieberatungen. So arbeite ich seit Jahren mit Gregor Raimann von raimannConcepts zusammen, der Nachhaltigkeitsprojekte in Großküchen anleitet und als Gastrokritiker deutschlandweit unterwegs ist. Auch im René Burkhardt Verlag Erfurt habe ich immer mal kleinere Kochbuchprojekte betreut.

Im RhinoVerlag habe ich die bisher erschienenen Regionalkrimis lektoriert, ein Genre, das für mich eher Spaß als Arbeit ist. Ich liebe es, Abläufe in Krimis, vor allem die Frage, ob alles in sich stimmig ist, zu durchleuchten. Das ist an sich schon ein kleines Stück Kriminalistik, nur dass man dabei dem Fehlerteufel auf der Spur ist und nicht dem Täter selbst.

Wie kam es denn dazu, dass du als Lektorin zur Verlagsleiterin wurdest? Welche Motivation leitete dich?

Katja Völkel mit dem Buch „Stolpersteingeschichten Aurich“

Katja Völkel mit dem Buch „Stolpersteingeschichten Aurich“ (Bild: privat)

Der Eckhaus Verlag wurde von einer Freundin meines Vaters in Weimar gegründet. Jana Rogge, von Haus aus Werbegrafikerin, hat 2014 beschlossen, ihre eigene Agentur zu gründen und dort – ein langgehegter Traum – einen Verlag zu integrieren. Mein Vater mit seiner jahrelangen Erfahrung hat Schützenhilfe geleistet und erste Buchprojekte angeschoben. Das Lektorat hatte ich von Anfang an in der Hand.

Das Verlagsprogramm entwickelte sich, und irgendwann war die Doppelbelastung Verlags- und Agenturleitung zu viel für Jana. Bei einem gemeinsamen Besuch der Leipziger Buchmesse im Frühjahr 2015 hat sie mich gefragt, ob ich denn nicht die Verlagsleitung übernehmen würde, schließlich kenne ich alle Buchprojekte, und das Verlagsgeschäft an sich ist mir ja nicht fremd, da mein Vater seinen Verlag damals in unserem Haus hatte und ich dort alles intuitiv mit „aufgesaugt“ habe. Ich musste nicht lange überlegen, solche Herausforderungen reizen mich immens.

Von Vorteil ist in meinem Fall sicherlich, dass ich verschiedene Perspektiven einnehmen kann, da ich alle kenne: die der Verlegerin, die der Autorin und nicht zuletzt die der Lektorin. Das ist ein Pluspunkt, der mir die Arbeit sehr erleichtert. Ich weiß, wie viel Arbeit und Herzblut jede Autorin und jeder Autor in das Manuskript gesteckt hat, lese die Texte als Lektorin mit kritischen Augen und kann abschätzen, ob in dem Buch Potenzial steckt oder nicht, und zuletzt muss ich als Verlegerin auch die Wirtschaftlichkeit und Relevanz des Themas im Auge haben und schauen, wie ich das Buch in die Buchhandlungen und an die Leserinnen und Leser bringe. Außerdem habe ich durch Verlags-, Lektorats- und Autorenkreise ein breites Netzwerk aufgebaut, was durchaus hilfreich sein kann.

Wie kam es zu dem Namen des Verlages und welchen Schwerpunkt haben die Bücher, die du verlegst?

Der Verlag sitzt in Weimar in einem Eckhaus. Da war die Lage schlicht und einfach namensgebend.

Der Großteil des Verlagsprogramms ist in die Sparte Geschichte/Biografie einzuordnen. Begonnen hat alles mit der Biografie über Wolfgang Held, zu DDR-Zeiten und auch darüber hinaus ein bekannter Schriftsteller und Drehbuchautor. Danach kamen verschiedene Autobiografien und ein Dossier über den Ministerpräsidenten von Thüringen, Bodo Ramelow, sogar mit einem Vorwort von Gregor Gysi. Für einen kleinen Verlag ganz schön viel Rummel am Anfang, der sich zum Glück nie richtig legte.

Außerdem haben wir ein Hörbuch, den ersten Teil des Weimarkrimis meines Vaters, „Die entlaufene Leiche vom Zeughof“ herausgegeben. Sprecher war Steffen Quasebarth von den mdr-Nachrichten.

Und da die Verlagsinhaberin eine Affinität fürs Grillen und die Jagd hat, gibt es auch eine Kulinariksparte im Verlag. Darin ist die „Wild Kitchen Project“-Reihe erschienen und auch ein Kochbuch, das sich mit der Frage beschäftigt, was oder wer die Speisekarte einer Stadt schreibt: „Weimarer Mundart“.

Du hast inzwischen an die 20 Titel verlegt. Hast du einen, der dir besonders am Herzen liegt, und falls ja, warum?

Alle Bücher, die im Verlag erscheinen, sind Herzensprojekte. Wenn wir uns für einen Titel entscheiden, dann nur, weil wir alle 100 % dahinterstehen. Die Zusammenarbeit mit unseren Autoren ist extrem eng, im Laufe der Arbeit entstehen da eher Freundschaften als Verlagsbeziehungen.

Daher fällt es mir schwer, einen herauszupicken. Ganz besonders stolz und glücklich bin ich über das Buch von Eva Schloss, „Amsterdam, 11. Mai 1944“, das wir aus dem Englischen ins Deutsche übersetzen lassen haben. Eva Schloss, geborene Geiringer, ist die Stieftochter von Otto Frank [Vater von Anne Frank, Anm. d. Redaktion], der ja nach dem Krieg wieder geheiratet hat – Evas Mutter Elfriede Geiringer. Eva und ihre Familie flohen als Juden vor den Nazis aus Wien nach Amsterdam und lebten vis-à-vis mit den Franks, bevor beide Familien ins Versteck gingen. Anne Frank war nur einen Monat jünger als Eva und ihr gut bekannt. Evas Biografie ist erschütternd, und sie hat heute mit ihren 90 Jahren noch die Kraft, durch die Welt zu reisen und über ihr Leben zu berichten. Sie dabei zu begleiten, bereichert mich jedes Mal. Wir waren zusammen schon in mehreren Talkshows im deutschen Fernsehen und haben einige Veranstaltungen mit ihr gemacht. Auch erinnere ich mich gern, als sie von dem japanischen Sender NHK eine Woche begleitet wurde und wir in Berlin und Thüringen gedreht haben. Solche Momente sind unbezahlbar.

Ganz wichtig ist mir auch eine Buchreihe im Verlag, die sich „Stolpersteingeschichten in …“ nennt. Dabei werden die Biografien der Personen, denen der Künstler Gunter Demnig einen Stolperstein gesetzt hat, aus den entsprechenden Städten erzählt. Dadurch bekommt Geschichte ein Gesicht. Und genau diese Bücher stellen wir Schulen zur Verfügung, damit sie im Unterricht den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg am Beispiel ihrer Stadt viel näher erfahren können. Bisher sind mit Weimar und Aurich zwei Bände erschienen und die Arbeit an diesen Büchern ist immer sehr bewegend. Der Kontakt und auch die Begegnungen mit Zeitzeugen sind wertvolle Geschenke im Leben und machen für mich meine Arbeit ganz reich – auch wenn man als Verlegerin in monetärer Hinsicht selten reich wird. Aber darum geht es mir gar nicht, wahrscheinlich würde ich meine Arbeit sonst nie mit vollem Herzen ausfüllen können, wenn wirtschaftliche Dinge im Vordergrund stünden.

Last but not least das Buch meines Vaters, auch im Eckhaus Verlag erschienen: „Das ferne Grab“. Darin lässt Ulrich Völkel seine eigene Mutter, sprich meine Oma, an das Grab ihres Mannes nach Russland reisen. Eine Reise, die sie nie gemacht hat, also fiktiv. Zwischendurch blendet er immer wieder die authentischen Feldpostbriefe, die sich meine Großeltern geschrieben haben, ein. Das Buch berührt mich unglaublich.

Woher kommen die Titel, die Ideen für die Buchinhalte?

Bisher war es meist so, dass ein Projekt das andere angestoßen hat. Durch Jan Rosenbaum kamen wir beispielsweise auf Eva Schloss, denn ihre Biografien kreuzen sich und hängen zusammen. Bei der Stolpersteinreihe wirbelt ein Buch das nächste auf. Durch Pressearbeit und Mundpropaganda werden andere Städte auf die Buchreihe aufmerksam und wollen auch selbst Teil dieser Serie werden. Wir sind mit mehreren Städten im Gespräch, die Vorbereitungen sind aber immer sehr langwierig, weil wir die Klassensätze von Institutionen etc. in den jeweiligen Städten immer sponsern lassen müssen.

Eine andere „Fundgrube“ sind tatsächlich Anfragen von Autoren, die mir als Lektorin in das Mailpostfach flattern. Vor einiger Zeit hat ein Autor über die VFLL-Auftragsanfragenliste nach einem Lektor gesucht und sein Manuskript hat mich sofort gefesselt und passte perfekt ins Verlagskonzept. Das war für beide Seiten ein Jackpot, denn dass ich als Lektorin einen Verlag leite, in dessen Profil der Text passt, wusste der Autor nicht.

Ja, und mittlerweile hat der Verlag einen ganz guten Ruf und so kommen auch Autorinnen und Autoren auf uns zu oder steuern uns auf Messen an.

Wie managest du dein Dasein/dein Arbeitsleben als Lektorin und Verlegerin? Trennst du da zeitlich genau oder sind die Übergänge fließend – je nachdem, was gerade ansteht?

Tatsächlich überschneidet sich vieles und manchmal sind die Grenzen unscharf, wenn ich beispielsweise ins Lektorat Aufträge von Autoren bekomme, die auch für den Verlag interessant wären. Ich habe keine klare Aufteilung. Das mag daran liegen, dass ich generell ein sehr freier Mensch bin, dem feste Strukturen zuwider sind (auch wenn ich manchmal zugeben muss, dass ein wenig mehr Struktur hilfreich wäre …). Ich arbeite je nach Auftragslage und 9 to 5 gibt es bei mir nicht – wäre auch nichts für mich. Aber das kennt wohl jeder Lektor und jede Lektorin.

Beide Bereiche – Lektorat und Verlag – sind lediglich örtlich getrennt, denn ich arbeite als Lektorin von Dresden aus, wo ich meinen Wohnsitz und mein privates Lebensumfeld habe, während der Verlag in Weimar seinen Hauptsitz hat. Das funktioniert zum Glück dank technischer Hilfsmittel wie Dropbox und Rufumleitung ziemlich gut.

Was meinst du: Sind die Arbeitsbereiche 50/50 oder 60/40 oder …?

Das ist durchaus unterschiedlich. Mal brennt es im Lektorat – schließlich ist das meine Haupteinnahmequelle –, dann wieder im Verlag. Vor allem kurz vor den Messen kann ich mich eigentlich zweiteilen. Da bringt ja nicht nur der Eckhaus Verlag die meisten Bücher raus, sondern eben auch meine Auftraggeber im Lektoratsbereich kommen mit neuen Titeln auf den Markt. Verlag ist eher teures Hobby, Lektorat meine Möglichkeit, mir diesen Spaß zu leisten. Daher muss ich oft in Verlagsdingen zurückstecken und mich bremsen. Das fällt mir aber nicht so leicht.

Was macht dir mehr Spaß? Welche Tätigkeit bringt dir mehr Erfüllung? Oder kann man/frau das gar nicht so beurteilen?

Da die Grenzen fließend sind, kann ich das gar nicht so genau sagen. Die Verlagsarbeit geht über das Lektoratsgeschäft hinaus, erweitert das Spektrum. Als Lektorin arbeitet man meist so allein vor sich hin, bekommt seine Aufträge vorwiegend per Mail in den Briefkasten und liefert sie auch so ab. Persönliche Treffen sind seltener. Das kann ich durchaus auch genießen, aber ich bin gemeinhin ein äußerst sozialer Mensch und Teamplayer, der gern mit anderen interagiert. Das kann ich im Verlagswesen wiederum voll ausleben. Da trifft man immer auf Persönlichkeiten, die so unglaublich spannend sind, oder hat direktere Kontakte mit Menschen.

Außerdem liebe ich es, Veranstaltungen zu organisieren. Dazu komme ich im Lektorat weniger als im Verlagswesen. Pressearbeit mache ich auch gern, habe ich schon in Schülerzeitungsjahren spannend gefunden. Auch das ist im Verlagswesen wichtig und erfüllt mich.

Aber da ich im Verlag alle Bücher selbst lektoriere, ist das die Basis meiner Arbeit. Und die mache ich mit unglaublich viel Leidenschaft.

Wie sieht es auf deinem Schreibtisch aus? Bist du eher Staplerin oder Chaotin?

Ganz klar: stapelnde Chaotin! Aber ich habe immer den Überblick, wo ich was hingetan habe, was mich selbst manchmal erstaunt. Allerdings brauche ich Druck und Deadlines, sonst schleift es ganz gern und ich verzettele mich mit meinen beiden Standbeinen.

Magst du uns noch etwas mitteilen?

Ich bin als Lektorin sehr froh darüber, dass es eine Vereinigung für unseren Berufszweig gibt. Gerade weil Lektorin keine geschützte Berufsbezeichnung ist, schwimmt man manchmal. Außerdem arbeite ich oft genug einsam vor mich hin und bin froh über Austausch und die Möglichkeit, mich weiterzubilden und nicht auf der Stelle zu treten. Besonders den Austausch finde ich wichtig. Zu erfahren, wie andere Kolleginnen und Kollegen Dinge angehen, zu merken, dass andere mit denselben Hürden kämpfen. Durch die Mailingliste die Möglichkeit zu haben, Zweifelsfälle und Bretter vorm Kopf beseitigen zu lassen, ist mehr als hilfreich.

Ich finde es toll zu erfahren, dass man sich nicht untereinander die Butter vom Brot nimmt, sondern eher zusammen an einem Strang zieht und sich weiterhilft, sei es durch Weitervermittlung von Aufträgen oder durch Hilfe, wenn man selbst nicht weiterkommt mit einer Textstelle. Das schätze ich sehr. Vielen Dank an dieser Stelle an den Vorstand und an alle aktiven Mitglieder des VFLL für diese wunderbare Möglichkeit, den Arbeitsalltag zu erleichtern.

Großes Foto: Im Eckhaus Verlag erschienene Bücher ((c) alle Bilder: Katja Völkel)

Interview: Sibylle Schütz


Katja Völkels VFLL-Profil
Zur Website vom Eckhaus Verlag
Der Eckhaus Verlag auf Facebook

Ein Gedanke zu „„Ich bin buchstäblich in den Beruf reingewachsen“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.