„Ohne Übung wird das nichts“

Jutta Orth arbeitete in einem Wissenschaftsverlag, bis sie sich 1994 als Lektorin und Übersetzerin selbstständig machte. Dore Wilken, eine der beiden Freiburger Regionalgruppensprecherinnen, besuchte kürzlich eine Vernissage ihrer VFLL-Kollegin und traf sie zum Interview. Im folgenden Beitrag steht nicht das Lektorieren im Vordergrund, denn Jutta Orth ist auch Künstlerin: sie malt, zeichnet und fotografiert.

Von Dore Wilken

Ultramarinblau. Zinnoberrot. Gelb. Farben so leuchtend wie aus dem Schultuschkasten. Grün. Alle Töne zwischen gelbgrün und blaugrün. Im Farbverlauf. Häufiger im Kontrast: Gelb und Blau. Oder komplementär Blau gegen Orange. Kaum Schwarz oder Braun. Selten monochrom. Oft ist der Pinselstrich sichtbar. Das Wasser macht die Farben durchsichtig wie Klarsichthüllen – Aquarell-hell. Farbflächen. Wenig Rundes, Diagonalen in sparsamem Winkel. Meistens Rechtecke, vertikal und horizontal in der Fläche verankert. Manchmal bilden Quadrate ein Raster. Rechtecke sind aneinandergereiht wie auf einem Band.

Gelbe und blaue Farbe im Farbverlauf sind auf dem Aquarell „Bandbrücke” zu sehen.

Aquarell „Bandbrücke“, (c) Jutta Orth

Völklinger Hütte als Inspirationsquelle

Um genau dieses Band geht es. „Bandbrücke“ hat Jutta Orth einige ihrer Aquarelle genannt. Oder „Hochofen“, „Winderhitzer“ und „Hängebahn“. Inspiriert haben die Malerin viele Besuche auf der Völklinger Hütte, bis 1986 ein Stahlwerk, heute als Industriedenkmal Weltkulturerbe. Es liegt eine Autoviertelstunde westlich von Saarbrücken, wo die Freiburger Lektorin aufgewachsen ist. Die Farben hat sie alle dort gefunden. Rotbraunen Rost, blaugrün oxidiertes Kupfer, auch den strahlend blauen Himmel an jenem Augusttag, an dem sie die Fotos machte, die Vorlage waren für die Aquarelle. Jutta Orth erfasst die Industrieanlage assoziativ. Struktur verleiht sie den Farbflächen durch die Konturierung der Betriebsanlagen, die mal mehr – ein Becherwerk in Gelb, Grün und Blau –, mal weniger offensichtlich zu erkennen sind wie der orange-blaue Hochofen.

Die Malerin kann sich noch gut erinnern an den Gestank, den Lärm und Dreck, dem sie ausgesetzt war, wenn sie an der noch aktiven Hütte vorüberkam. Das ist vorbei. Heute „verort(h)tet“ sie die Vergangenheit in der Benennung ihrer Bilder. Sie baut eine Brücke zwischen Industrierealität und touristischer Gegenwart. Und vermittelt. Genau wie als Übersetzerin aus dem Französischen. Frankreich beginnt nur wenig weiter westlich vom Weltkulturerbe.

Die Werke entstehen in der Küche

Apropos schmutzig. Die Künstlerin arbeitet in der Küche, nachdem sie einst den Teppichboden im Wohnzimmer mit Ölfarben versaute. Lieber mit Acryl als Öl, die Farbe ist leichter wegzuputzen. Da ist sie ganz pragmatisch. Wie bei ihren Aquarellen. Wenn das Papier dick genug ist, kann sie es für Korrekturen unter den Wasserhahn halten. Mit den Spuren, die bleiben, arbeitet sie. Assoziativ und spontan ist ihre Arbeitsweise. Sie entwirft eine Grobstruktur, das Feine entsteht bei der Überarbeitung. Und: „Schlechtes fliegt weg“, da ist Jutta Orth unerbittlich, denn Kunst kommt ja bekanntlich von Können. Das gilt auch beim Schreiben, wenn ein liebgewonnener Satz nicht in den Text passt. Ihr Anspruch ist hoch.

Ein Grund, warum die Öl- und Acryl-Porträts, Aquarelle und Zeichnungen der Lektorin erst seit fünf Jahren in Ausstellungen zu sehen sind. Dabei hat sie seit 30 Jahren Mal- und Zeichenunterricht. Erkenntnisse für die Praxis liefert ihr Kunstgeschichtsstudium. Wie haben die alten und neuen Meister es gemacht? Pinselführung, Licht und Schatten, Wirkung von Farbe, aus Nähe und Ferne. Velázquez, Rembrandt, Cézanne und Max Beckmann sind nur einige ihrer Lehrer-Vorbilder.

Malen ist ein Handwerk

Lektorin und Übersetzerin Jutta Orth malt, zeichnet und fotografiert.

Künstlerin und VFLL-Kollegin Jutta Orth

Ganz im Flow ist sie, wenn sie vor ihrer Staffelei steht. Sie vergisst die Zeit, ist ganz eingenommen von ihrem Tun. Denn es stellen sich konkrete Probleme: Wie geht ein Gesicht? Welche Farben passen? Stimmen die Proportionen? Malen ist für sie mehr als ein Hobby. Sie folgt dabei einem Bedürfnis, mit einem Talent, das ihr in die Wiege gelegt wurde.

Dennoch ist Malen ein Handwerk, das, genau wie Schreiben, geübt werden muss, um besser zu werden. Es bleibt eine ewige Herausforderung, eine dreidimensionale Realität auf die zweidimensionale Leinwand zu bannen. Besonders, wenn das Bild nicht nur von der Wirklichkeit inspiriert, sondern ihr abgeschaut ist wie beim Aktzeichnen. „Ohne Übung wird das nichts“, so einfach ist das. Da liegt es nahe, dass Jutta Orth zweimal im Jahr einen Kurs besucht. Genau hinsehen ist wichtig, sich mit den Details der Anatomie auseinandersetzen. Nichts ist schwieriger abzubilden als der menschliche Körper. Noch schwieriger, die Stimmung der Porträtierten auszudrücken.

Manchmal ist schon das Modell eine Herausforderung. „Ich krieg die nicht aufs Papier“, sagt die Zeichnerin über eine besonders große Frau, die beim Aktzeichnen nackt im Kreis der Staffeleien steht. Von jedem Platz aus ist die Perspektive eine andere. Die Sicht auf den erhobenen Arm, das vorgestreckte Bein. Mit Einfluss auf die Bildaufteilung und die entsprechenden Verkürzungen. Wie macht das Michelangelo, der Meister der Körperdarstellung? An ihm, so Jutta Orth, fasziniert sie, „dass er Anatomie und Bewegung so präzise und expressiv wiedergegeben hat wie kein anderer“.

Interview und Text: Dore Wilken

Bilder: Aquarell „Bandbrücke”, (c) Jutta Orth
Vorschaubild: Zeichnung „o.T.“, (c) Jutta Orth
Foto: Porträt Jutta Orth


Zur Website der Künstlerin Jutta Orth
Jutta Orths Website und VFLL-Profil


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