„In Südafrika lebt es sich ganz ‚lekker‘“

In Südafrika leben und arbeiten. Ist das ein Traum? Für Susen Truffel-Reiff war es so und sie hat ihn Wirklichkeit werden lassen. Über ihren Weg dorthin und auch über die Glücksmomente, die Herausforderungen, Schwierigkeiten und ihren Alltag berichtet sie in diesem Interview.

Wie kam es dazu, dass du heute in Südafrika lebst? Wolltest du schon immer in die große weite Welt hinaus?

Ich bin in einem kleinen Dorf in Niedersachsen aufgewachsen und nach dem Abitur und weiteren Ausbildungen (Industriekauffrau und Musical-Darstellerin) musste ich einfach mehr von der Welt sehen, unter anderem bin ich à la Work & Travel auch nach Südafrika gekommen. Zuerst habe ich auf einer Farm auf dem Land gearbeitet, dann als Au-pair in der Stadt und später an der Deutschen Internationalen Schule Pretoria. Im Umfeld der Deutschen Schule habe ich damals meinen Mann kennengelernt, er ist einer der erstaunlich vielen deutschsprechenden Südafrikaner in Pretoria. Zusammen haben wir dann einige Jahre in Deutschland verbracht (u. a. für mein Kulturwissenschaftsstudium und Lektorats-Volontariat bei National Geographic Books in Hamburg), doch die Sehnsucht nach Südafrika war am Ende stärker, und es ging zurück in den Süden für uns.

Wie lebt es sich dort? Wie sieht dein Alltag dort aus? Gibt es wesentliche Unterschiede, wenn ja, welche?

Hier lebt es sich ganz „lekker“ – in Südafrika ist nicht nur das Essen, sondern alles Positive „lekker“!

Es gibt ganz bestimmt viele wesentliche Unterschiede. Manches ist hier – für mich – sehr viel „lekkerer“ (alle sind per Du, für die Monatsmiete einer Wohnung in Hamburg können wir uns hier ein ganzes Haus mit Garten in der Stadt leisten, oder 95 Prozent aller Geschäfte sind sieben Tage die Woche geöffnet) und manches fehlt mir auch hin und wieder sehr (ein guter ÖPNV, ein Sommer ohne Mücken, oder ein Bummel durch eine schöne Altstadt/Innenstadt anstatt der Gang in die Mall). Im Allgemeinen finde ich meinen Alltag hier allerdings nicht besonders außergewöhnlich, das Gras ist hier jedenfalls genauso grün, bei jedoch deutlich mehr Sonnenscheintagen.

Und dein Arbeitsalltag, wie sieht der aus? Du bist wahrscheinlich hauptsächlich digital in Kontakt mit deinen Auftraggebern – klappt das trotz der Zeitverschiebung gut und reibungslos?

VFLL-Mitglied Susen Truffel-Reiff lektoriert und übersetzt in Südafrika, Foto: (c) Susen Truffel-Reiff / privat

Der Arbeitsalltag unterscheidet sich kaum zu der Zeit, als ich noch in Deutschland arbeitete – alles läuft digital, das meiste per Mail und/oder WhatsApp(-Gesprächen). Der Face-to-Face-Kontakt mit deutschen Auftraggebern und Kolleg*innen fehlt mir allerdings doch hin und wieder, insbesondere die Buchmessen. Ansonsten haben wir zu Deutschland nur im deutschen Winter/südafrikanischen Sommer eine Stunde Zeitverschiebung; kommt mir immer sehr gelegen, wenn es um Deadlines geht, dann habe ich bei Bedarf eine Stunde in petto. ;-)

Gibt es da besondere Herausforderungen, die es in Deutschland so nicht gibt?

Ab und an haben wir ein paar Stunden täglich keinen Strom (meist angekündigt, aber leider auch nicht immer) und somit kein doch so nötiges WiFi (wofür man hier deutlich mehr in die Tasche greifen muss). Man nennt dieses Vorkommnis „loadshedding“ und es passiert dann, wenn das Stromnetz überlastet ist und der Netzbetreiber bestimmte Stadtgebiete zeitweilig vom Netz nimmt.

Du bietest mehrere Dienstleistungen an: Neben Lektorat und Korrektorat bist du in den Bereichen Übersetzung, Ghostwriting und Selfpublishingservice tätig. Wie ist da die Gewichtung und hast du einen Lieblingsbereich?

Die Gewichtung verändert sich von Quartal zu Quartal und hängt von verschiedenen Faktoren ab. Ich arbeite allerdings mehr für Verlage und Firmen als für Privatkunden. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich hauptsächlich Übersetzungen machen wollen. Ich habe Kulturwissenschaften studiert und liebe den Analyse-Spaß, der mit dem kulturellen Hintergrund des jeweiligen Ausgangstextes einhergeht.

Du nennst dich MissFlyleaf bzw. hast deine Website so benannt. Was hat es damit auf sich?

Das kommt noch aus meiner Volontariatszeit bei National Geographic. Als ich dort anfing, war eines der ersten Dinge, die mir in die Hand gedrückt wurden, das „Langenscheidt Praxiswörterbuch Verlagswesen und Buchhandel Englisch“. Es ging also ans Pauken englischer Begrifflichkeiten, da ich die meiste Zeit an Lizenztiteln gearbeitet und damit auch mit ausländischen Verlagen zusammengearbeitet hatte. Das Wort „flyleaf“ ist bei mir so eingebrannt, da ich damals so überrascht war, dass es für das Vorsatzblatt überhaupt einen Namen gibt, im Deutschen sowie im Englischen.

Was waren bisher Highlights oder Glücksmomente in deinem Leben in Afrika/Pretoria?

In jedem Fall unsere Hochzeit im Jahr 2010 und die Geburt unseres Sohnes Mattis („Mannetjie“) vor vier Monaten. Platz 3 nimmt der Tag ein, an dem ich mein erstes „Black Rhino“ (Spitzmaulnashorn) in Freiheit gesehen hatte. Ich musste weinen vor Freude, und noch heute habe ich Tränen in den Augen, wenn ich eines sehe. Es hat einige Jahre und etliche Nationalparkaufenthalte gedauert ein „Black Rhino“ zu finden, leider gibt es ja nur noch wenige Nashörner unterschiedlicher Arten auf der Welt – und überhaupt ist das Zeitverbringen im südafrikanischen Busch das größte Glück für mich!

Im südafrikanischen Busch Zeitverbringen ist das größte Glück für Susen Truffel-Reiff, Foto: (c) Susen Truffel-Reiff / privat

Gab es auch unerwartete, weniger schöne Erlebnisse?

Die gibt es immer dann, wenn man hier mit den Behörden zu tun hat, was zum Glück nicht so häufig vorkommt …

Hast du manchmal Heimweh? Kommst du regelmäßig nach Deutschland, um deine Eltern und/oder Freund*innen zu besuchen?

Mich hat Heimweh noch nie wahnsinnig geplagt. Generell versuche ich etwa alle ein bis zwei Jahre mal nach Deutschland zu fliegen. Natürlich vermisse ich meine Familie, ganz besonders in Situationen wie der Geburt unseres Sohnes. Aufgrund des Corona-Lockdowns war bis dato noch kein Besuch möglich.

Gibt es noch etwas, was du uns Daheimgebliebenen mitteilen magst?

  1. Die Kriminalitätsrate in Südafrika ist sicherlich höher als in Deutschland, das kann und muss man auch nicht verheimlichen. Nur allein die deutlich größere Schere zwischen Arm und Reich machen das leider aus. Ich habe aber schnell gelernt, damit umzugehen, ohne mich in meiner Lebensweise eingeschränkt zu fühlen. Wenn man als Tourist nach Südafrika kommt, reicht allerdings ein gesunder Menschenverstand für einen unvergesslich schönen Urlaub aus – wie in jedem anderen Urlaub in der Fremde auch.
  2. Nicht Kapstadt und auch nicht Johannesburg ist die Hauptstadt von Südafrika, sondern das wunderschöne Pretoria ;-)
  3. Kommt doch mal Südafrika besuchen, es lohnt sich!

Interview: Sibylle Schütz
Alle Fotos: (c) Susen Truffel-Reiff / privat


Susen Truffel-Reiffs Website und Profil im VFLL-Verzeichnis


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