„Heute bin ich mit vielen Schreibenden und anderen Kulturschaffenden vernetzt“

Maike Fries Website heißt „skriving“. Das ist Norwegisch und heißt schreiben. Damit wird mit einem Wort ihre berufliche Vielfalt beschrieben: Die Münsteraner VFLL-Kollegin hat neben dem Lektorieren eine Schreibwerkstatt als weiteres Standbein aufgebaut und sich damit einen Namen als Expertin gemacht. Darüber hinaus unterrichtet Maike Frie noch Norwegisch.

Du gibst Kurse in kreativem Schreiben. Wie bist du dazu gekommen, dieses Angebot zu schaffen? Und was kann man sich überhaupt unter kreativem Schreiben vorstellen?

VFLL-Kollegin Maike Frie aus der RG Rhein-Ruhr, Foto: (c) Melanie Fleischer

Angefangen habe ich mit den Kursen, weil ich selbst gerne als Teilnehmerin zu Schreibwerkstätten fahre (aber auch zu allen möglichen anderen Arten von Fortbildungen) und vor Ort so ein regelmäßiges Angebot (abgesehen von VHS-Kursen) vermisst habe. Dabei ist Münster doch eine lebendige Stadt mit vielen kreativen Köpfen. Solche Leute wollte ich auch ganz einfach kennenlernen – und deshalb habe ich schlicht mein erstes Kursprogramm auf die Beine gestellt und geschaut, was passiert. Es sind tatsächlich Leute gekommen; heute bin ich mit vielen Schreibenden und anderen Kulturschaffenden vernetzt. Geholfen hat beim Einstieg sicherlich, dass ich seit fünfzehn Jahren an verschiedenen Einrichtungen Norwegisch unterrichte und jahrelang PR-Kurse gegeben habe; Lehr- und Lernerfahrung war also vorhanden.

Kreatives Schreiben kann dabei ganz vielfältig sein – hauptsächlich wird der Begriff zur Unterscheidung von wissenschaftlichem oder beruflichem Schreiben verwendet. Dabei sind die Methoden, um ins Schreiben zu finden, oft gleich; nur der Anlass und Druck, zu schreiben, sind verschieden. Wer sagt, „ich schreibe (kreativ)“, meint damit in der Regel, freiwillig zu schreiben, und meist sind es ausgedachte Geschichten, ob Krimis, Liebes- oder Familiengeschichten, häufig aber auch Autobiografisches.

Wie nutzt du dein Wissen als Schreibtrainerin im Lektorat?

Durch den regelmäßigen Austausch mit Schreibenden in Werkstätten bekomme ich direkt gespiegelt, wo Probleme beim Schreiben sind, welche Begriffe für mich vielleicht selbstverständlich, für Schreibende jedoch unklar oder unbekannt sind. Dadurch haben sich meine Rückmeldungen im Lektorat verändert: Ich schaue stärker darauf, in welchem Stadium die Texte sich befinden, welches Handwerkszeug ich noch grundlegend erläutern sollte oder wo Hinweise auf Fachliteratur oder Internetseiten hilfreich sind.

Verrätst du uns deinen besten Tipp gegen Schreibblockaden?

Es nicht so zu nennen? Nein, ehrlicherweise ist das nicht mein Spezialgebiet. Wichtig ist aber herauszufinden, was einen vom Schreiben abhält, damit man das Problem anpacken kann. Das Thema, der Zeitdruck, die eigene Erwartungshaltung, die Projektbeteiligten, …?

Ansonsten finde ich zwei Dinge entscheidend:
Erstens: Schreib- und Überarbeitungsphase trennen. Schreiben ist ein kreativer Prozess. Wichtig ist zunächst, dass überhaupt etwas aufs Papier kommt. Damit kann man dann weiterarbeiten – in der strukturierten Überarbeitungsphase. Wenn man sich selbst den Druck nimmt, dass der erste Entwurf direkt großartig werden muss, kann man auch viel unblockierter losschreiben.

Zweitens: Bei Instrumenten, Sportarten oder anderen Kreativtechniken wie Nähen oder Malen ist allen klar, dass man lernen und üben muss. Nur beim Schreiben soll das von alleine fluppen. Dabei will auch der Schreibmuskel ausgebildet und regelmäßig trainiert werden. Wenn man sich also täglich eine feste Schreibzeit einräumt (lieber häufig kurz als sich eine Schreibwoche im Jahr oder einen Tag in der Woche vorzunehmen) und die immer mit derselben Teetasse, demselben Schal und demselben Ritual (Quietscheentchen drücken oder was auch immer) einläutet, gewöhnt sich das Unterbewusstsein ans wiederholte Schreiben. So kann man sich selbst konditionieren. Vielen hilft auch, mit ein paar Minuten Freewriting zu beginnen: einfach losschreiben, den Stift nicht absetzen. Und aus „ichweißnichtwasichschreibensolldasistblödichhabekeineLust“ werden dann schnell Gedanken, was einen gerade beschäftigt, und die werden damit weggeschrieben und somit vielleicht auch die ganze Blockade …

Was ist dein Spezialgebiet im Lektorat?

Ich habe mich auf Belletristik spezialisiert. Dadurch, dass ich selbst schreibe und auch Schreibwerkstätten gebe, dreht sich bei mir alles um ausgedachte Geschichten. Innerhalb der Belletristik habe ich keine Schwerpunkte angestrebt, aber es gibt natürlich Vorlieben – und je mehr ich in einem Bereich arbeite, desto mehr zieht das auch Folgeprojekte an … Das sind bei mir Fantasy-Romane und Jugendbücher, außerdem Kurzgeschichten. Und Übersetzungslektorate (aus dem Norwegischen), weil ich da meine Sprachkenntnisse mit einbringen kann.

Wie wichtig ist für dich das Thema Netzwerken?

Sehr wichtig! Der VFLL ist dafür ja das beste Beispiel – der Ausgleich zum Freiberuflerinnen-Dasein. Wenn man alleine arbeitet, ist es entscheidend, zu wissen, an wen man sich bei Fragen wenden kann, wer vielleicht schon mal ähnliche Probleme zu lösen hatte oder einfach ein offenes Ohr hat, wenn die unterschiedlichsten Aufgaben sich türmen. Netzwerke ersetzen den Flurfunk und die Kaffeeküche. Gerade in diesem Jahr war es toll, die Solidarität untereinander zu erleben, wenn es um Tipps für Corona-Hilfen ging.

Und manche größeren Projekte sind ja nur gemeinsam mit anderen möglich – sie sind ein Gegenpol zum manchmal einsamen Arbeiten. Mir bedeutet es viel, dafür vertraute Kooperationspartnerinnen zu haben. In Münster arbeite ich eng mit zwei anderen Schreibtrainerinnen zusammen, außerdem gibt es verschiedene Netzwerke von Kreativen, mit denen ich mich austausche; sowohl vor Ort als auch überregional – da ist der Texttreff, das Netzwerk wortstarker Frauen, sehr wichtig für mich.

Interview: Katja Rosenbohm
Fotos: Porträt Maike Frie, (c) Melanie Fleischer,
Beitragsbild: Schreibmarathon Schreibraum Münster, (c) Katja Angenent


Weitere Informationen:

Sehr hörenswert ist Maike Fries Interview im Rahmen der wdr2-Sonntagsfragen mit Gisela Steinhauer (Mai 2020)

Texttreff, das Netzwerk wortstarker Frauen


Maike Fries Website und Profil in der VFLL-Datenbank


Weitere Blogbeiträge aus dieser Reihe:

„Das Suchen nach dem letzten Krümel Potenzial“ (2020)
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