Preisverleihung des Deutschen Literaturpreises 2020

„Ich bin wirklich aus allen Wolken gefallen“

Es gibt erfreulicherweise eine Vielzahl von Preisen in der Buchbranche. Wir freuen uns sehr, dass nun ein VFLL-Mitglied einen von diesen gewonnen hat: Es handelt sich um den Deutschen Jugendliteraturpreis, den Cordula Setsman als Übersetzerin erhalten hat. Im Bloginterview erzählt Cordula von der Preisverleihung, wie sie zum Lektorat kam und mit welchen Aktivitäten sie ihre Freizeit verbringt.

Herzlichen Glückwunsch, das von dir übersetzte Buch „Wer ist Edward Moon?“ von Sarah Crossan hat dieses Jahr den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen. Was ist das Besondere an diesem Preis und wie ging es dir, als du von der Preisvergabe erfahren hast?

Der Deutsche Jugendliteraturpreis ist der einzige Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland sowie die höchst dotierte Auszeichnung in diesem Bereich. Die vom Arbeitskreis für Jugendliteratur (AKJ) ausgerichtete Preisverleihung findet jedes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse statt, verkündet werden die Preisträger*innen von der/dem Bundesfamilienminister*in, die/der auch den Preis in Form einer bronzenen Momo-Statue überreicht. Das allein ist schon sehr besonders, das wirklich Außergewöhnliche an dem Preis ist aber, dass das Werk im Ganzen gewürdigt wird, also alle beteiligten Urheber*innen – auch Illustrator*in und Übersetzer*in, sofern es sie gibt – gleichberechtigt nominiert und ausgezeichnet werden, nicht nur die/der Autor*in wie bei so vielen Literaturpreisen. Alle Preisträger*innen bekommen eine Preisstatue, das Preisgeld wird gerecht aufgeteilt.

Bekanntgegeben werden die Nominierten für den Preis bereits im Frühjahr auf der Leipziger Buchmesse. Dass man den Preis gewonnen hat, erfährt man aber tatsächlich erst in dem Moment, in dem der goldene Umschlag geöffnet und vorgelesen wird, was auf dem Kärtchen steht.

Die Preisträgerin Cordula Setsman mit der Preisstatue, (c) privat

Es ist schon ein aufregender Moment, wenn man von der Nominierung erfährt, denn das allein bedeutet, dass das eigene Werk nach Meinung der Jury zu den 30 herausragendsten Kinder- und Jugendbüchern des vergangenen Jahres gehört. Bis zur Preisverleihung im Oktober ist dann natürlich noch viel Zeit, die der AKJ dafür nutzt, die nominierten Titel in zahlreichen Veranstaltungen vorzustellen und bekannt(er) zu machen, denn es werden ausschließlich literarisch anspruchsvolle Titel nominiert, die sich nicht unbedingt mit den zahlenmäßigen Bestsellern des Vorjahres decken müssen. An die Preisverleihung habe ich von dem Moment, als die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey „Wer ist Edward Moon?“ sagte, ehrlich gesagt nur eine ganz verschwommene Erinnerung, so aufgeregt war ich. Ich bin wirklich aus allen Wolken gefallen, denn die Autorin Sarah Crossan und ich waren bereits mit zwei anderen Romanen nominiert, 2017 sogar sowohl von der Kritiker- als auch von der Jugendjury, und haben im Leben nicht mehr damit gerechnet, dass wir den Preis tatsächlich bekommen könnten. Das war wirklich überwältigend!

Der Preis wird ja von zwei Jurys vergeben, der Kritikerjury und der Jugendjury …

Ja, genau, es gibt eine Kritikerjury aus erwachsenen Fachleuten, die in den Kategorien Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch und Sachbuch je sechs Titel nominiert, die im Vorjahr in Deutschland neu erschienen sind. Sowie eine Jugendjury, die aus den Mitgliedern mehrerer Jugendleseclubs aus ganz Deutschland besteht und unabhängig von der Kritikerjury ebenfalls sechs Titel aus den pro Jahr circa 900 eingereichten Werken nominiert. Dazu gibt es jedes Jahr Sonderpreise für Erstlings- oder Gesamtwerke, wobei immer im Wechsel Text, Illustration oder Übersetzung ausgezeichnet wird.

Wie fand die Preisübergabe statt? Gab es eine Onlinefeier oder dergleichen?

Normalerweise findet eine festliche Preisverleihung mit viel Publikum in einem großen Saal auf dem Messegelände in Frankfurt statt. Dieses Jahr war das so natürlich nicht möglich, aber der AKJ hat dafür etwas ganz Besonderes organisiert: Die Preisverleihung fand als Hybridveranstaltung im GRIPS-Theater, einem Kinder- und Jugendtheater in Berlin, statt. Nur die Moderatorin Vivian Perkovic und Bundesfamilienministerin Giffey hatten es sich zwischen Bücherstapeln und im tollen Bühnenbild der letztjährigen Illustrationspreisträgerin Iris Anemone Paul in Lesesesseln gemütlich gemacht und haben in diesem sehr persönlichen Rahmen die Preisträger*innen verkündet und sie interviewt. Anschauen konnte man sich die Preisverleihung im Live-Stream im Internet, wir Nominierten waren per Zoom zugeschaltet, sodass wir sowohl die Preisverleihung verfolgen als auch interviewt werden konnten. Das war zwar nicht dasselbe wie auf der großen Bühne in Frankfurt, aber dafür war es unglaublich persönlich, denn die meisten Preisträger*innen waren von zu Hause zugeschaltet, aus ihrem Wohnzimmer, in dem teilweise die ganze Familie versammelt war und sich mitgefreut hat. Ich fand das auch sehr schön, aber ich habe natürlich schon sehr vermisst, Sarah Crossan und unsere Lektorin Kerstin Rabe von Mixtvision direkt umarmen zu können. Aber das holen wir nach!

Wie hat sich deine Berufslaufbahn entwickelt? Wolltest du schon „immer“ Lektorin, Autorin oder Übersetzerin werden? Oder hattest du früher ganz andere Ideen oder Träume? Warst du vor deiner Selbstständigkeit fest angestellt?

Obwohl ich immer schon sehr gern gelesen und mir für meinen Hund Geschichten ausgedacht habe, wollte ich früher unbedingt Tierärztin werden. Bis ich mit 13, 14 mal dem Tierarzt bei meinem Pflegepferd bei der Behandlung einer eitrigen Wunde helfen musste – danach war ich davon kuriert. Sprachen und Literatur waren aber immer ein wichtiger Bestandteil meiner schulischen Laufbahn, deswegen habe ich mich entschieden, Anglistik, Skandinavistik und Germanistik mit dem Schwerpunkt Literaturwissenschaft zu studieren. Nach meinem Magisterabschluss habe ich, um die Zeit zu einem Promotionsstipendium zu überbrücken, aus Neugier ein Verlagspraktikum gemacht und dabei festgestellt, dass diese Arbeit genau meins ist und ich darin meine Kenntnisse aus dem Studium mit meiner Leidenschaft für Bücher und meinem Organisationstalent auf vielfältige Weise verbinden kann. Deswegen habe ich mich dann für ein Volontariat in einem Kinder- und Jugendbuchverlag entschieden statt für die wissenschaftliche Arbeit. Bis zur Entscheidung, mich beruflich auf eigene, freiberufliche Füße zu stellen, war ich knapp zehn Jahre bei verschiedenen Kinder- und Jugendbuchverlagen als Lektorin angestellt. Zum Übersetzen, das in meinem Studium auch eine große Rolle gespielt hat, und zum Schreiben habe ich eher zufällig (zurück)gefunden, da einer meiner ehemaligen Arbeitgeber jemanden zum Übersetzen und auch für die Fortführung einer Buchreihe, mit der ich sehr gut vertraut war, suchte.

Was für Bücher schreibst du am liebsten?

Egal, ob als Lektorin, Autorin oder Übersetzerin, ich arbeite am allerliebsten mit und an Kinder- und Jugendbüchern und da besonders gern im fiktionalen Bereich, denn dort kann ich meine Stärken und Talente nach meinem Empfinden am besten einbringen.

Seit wann bist du beim Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren und was gefällt dir besonders gut an unserem Verband?

Ich bin seit 2016 im VFLL, habe aber davor schon Kontakte mit Kolleginnen aus dem Verband gepflegt. An der Mitgliedschaft im Verband schätze ich unter anderem die Fortbildungsmöglichkeiten. Der VFLL bietet Fortbildung auf hohem Niveau zu erschwinglichen Preisen an, was in einer Branche, in der die Honorare oft nicht annähernd so hoch gehängt sind wie die Ansprüche an die professionellen Kenntnisse der (freien) Mitarbeiter, wirklich „unbezahlbar“ ist. Daher engagiere ich mich auch in meiner Regionalgruppe seit 2016 im Bereich der Fortbildungsorganisation. Außerdem sind für mich der Aspekt des Netzwerkens sowie schlicht und ergreifend der persönliche Kontakt zu so vielen sehr netten, vielseitigen und kompetenten Kolleg*innen sehr bereichernd. Sehr oft kämpft man sich als Freiberufler*in ja doch ganz allein durch den Arbeitsalltag, da ist es schön, über seine Netzwerke und Arbeitskreise andere Kolleg*innen um Rat fragen und sich gegenseitig unterstützen zu können. Und natürlich ist es auch beruhigend zu wissen, dass der Verband einem im Falle des Falles auch in rechtlichen (Streit)Fragen zur Seite steht.

Wie ist die Gewichtung deiner Arbeit? Fertigst du mehr Übersetzungen an oder lektorierst oder schreibst du mehr? Was macht dir mehr Spaß?

Mittlerweile übersetze ich mindestens genauso viel wie ich lektoriere, dieses Jahr lag sogar etwas mehr Gewicht auf dem Übersetzen, aber das verschiebt sich jedes Jahr ein bisschen in die eine oder andere Richtung. Ganz neu entdeckt habe ich für mich die Hörspiel-Bearbeitung für eine Buchreihe, die ich bis 2017 geschrieben habe, das ist sehr spannend und macht mir viel Spaß, weil ich im Grunde die Geschichte noch mal ganz neu erzählen muss, wie aus einer anderen Perspektive.

Was machst du gerne in der Freizeit, an den Wochenenden?

In meiner Freizeit bin ich – als Gegengewicht zur Büroarbeit – gerne in der Natur aktiv, gehe in den Alpen Bergwandern oder erkunde meine nähere Umgebung in der Fränkischen Schweiz. Außerdem habe ich seit letztem Jahr einen Personal Trainer, einen mittlerweile anderthalb Jahre alten Irischen Terrier, der unser Leben ganz schön durchgewirbelt und sehr bereichert hat. Mit ihm muss ich nicht nur regelmäßig raus in Wald und Feld, sondern auch zur Ausbildung in die Hundeschule oder ihn anderweitig beschäftigen, in erster Linie geistig. Da machen uns beiden konzentrierte Aktivitäten wie Schnüffelaufgaben und das Erlernen von Tricks am meisten Spaß. Zudem hoffe ich darauf, dass ich bald auch wieder eine gute Möglichkeit zum Reiten finde, das lag viel zu lange mangels Zeit und Gelegenheit brach. Und tatsächlich lese ich auch in meiner Freizeit sehr gern, dann aber am liebsten in gedruckten Büchern und nicht am Bildschirm.

Interview: Sibylle Schütz
Fotos: Cordula Setsman mit der Preisstatue, (c) privat; Preisverleihung (Beitragsfoto), (c) Arbeitskreis für Jugendliteratur; Coverbild, (c) Verlag Mixtvision


Buchcover „Wer ist Edward Moon?“, (c) Mixtvision

Sarah Crossan: Wer ist Edward Moon? Übersetzt von Cordula Setsman, Mixtvision 2020. 400 Seiten, Taschenbuch,17,00 Euro, ISBN: 978-3-95854-140-5.

Das Buch beim Verlag Mixtvision

Das Buch ist außerdem über den Buchhandel und online z. B. im Autorenwelt-Shop des Uschtrin-Verlags erhältlich.


Weitere Infos zum Deutschen Jugendliteraturpreis:
Arbeitskreis Jugendliteratur (AKJ)
AKJ-Preisträger 2020


Cordula Setsmans Profil im VFLL-Verzeichnis


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