Der Lektorenverband VFLL auf der futurepublish

Lektoren als Partner in Zeiten des digitalen Wandels

Vom Reiseblog eines Buchverlags über Channel Management in den sozialen Medien bis zur App, mit der Touristen auf den Spuren der Dadaisten Zürich entdecken können: Das sind nur einige Strategien, mit denen Verlage dem digitalen Wandel begegnen. Auch freie Lektorinnen und Lektoren bewegen sich schon längst in dieser neuen Welt – was allerdings noch nicht überall angekommen ist.

Von Cordula Natusch

Dass das elektronische Publizieren die Verlagswelt verändert, ist ein so selbstverständlicher Fakt, dass man kaum darüber sprechen muss, oder? Allerdings ist wohl den wenigsten bewusst, wie viele unterschiedliche Bereiche von den Umwälzungen betroffen sind. Das Themenspekturm reicht von der Vertragsgestaltung bis zu Marketing und Vertrieb, aber auch die Suche nach Personal oder neuen Finanzierungsmöglichkeiten ist betroffen. Letztlich muss der gesamte Publikations- und Produktionsprozess in einem Verlag angepasst werden. Auf der Konferenz future!publish, die ich gemeinsam mit anderen Mitgliedern für den VFLL besuchte, wurden in zahlreichen Vorträgen Hintergründe und Strategien zur Bewältigung des Wandels vorgestellt.

„Das machen Lektoren auch?“

Natürlich geht es bei einer solchen Veranstaltung um die Vorträge und Workshops, darum, Wissen aufzufrischen und neue Sichtweisen kennenzulernen. Für mich aber waren die Treffen in den Pausen und bei der Abendveranstaltung mindestens ebenso wichtig, deshalb beginne ich meinen Rückblick damit. Denn dabei habe ich zum einen einen Einblick gewonnen, wie wir als Verband wahrgenommen werden. Zum anderen aber ist mir klargeworden, wie wichtig es ist, dass wir Lektoren auf solchen Veranstaltungen präsent sind und uns, unsere Leistungen sowie unsere Kompetenzen rund um das digitale Publizieren immer wieder herausstellen.

Unter den Teilnehmern der Konferenz waren Vertreter von großen Verlagen und kleinen unabhängigen Häusern, Programmverantwortliche und Vertriebsleiter, Mitarbeiter von rein literarischen sowie von rein wissenschaftlichen Verlagen und so weiter. In den Gesprächen habe ich festgestellt: Man kennt uns. Und zwar nicht nur den Verband, sondern auch und vor allem unsere Datenbank, die den Aussagen zufolge auch genutzt wird. Gleichzeitig habe ich immer wieder Erstaunen, aber auch viel Interesse gespürt, wenn klar wurde, dass ich als Lektorin mich natürlich mit der Digitalisierung beschäftige. Dass wir als Verband Fortbildungen zur E-Book-Produktion, zu XML und zu Dienstleistungen rund ums Selfpublishing anbieten. Dass unsere Mitglieder sich in den sozialen Medien genauso auskennen wie in Datenbanksystemen. Mit anderen Worten: Viele unserer Kunden wissen gar nicht, welches Leistungsspektrum wir Lektoren anbieten, und fragen uns demnach auch gar nicht erst, wenn entsprechende Aufträge zu vergeben sind.

Das ist meiner Meinung nach eine Aufgabe für alle Mitglieder – immer wieder darauf hinweisen, welche Leistungen man selbst anbietet, nachfragen, welche Entwicklungen es in den Kundenunternehmen gibt, und aktiv Unterstützung anbieten. Und wenn man selbst einen Auftrag nicht übernehmen kann, weil das Wissen an der Stelle vielleicht doch nicht ausreicht, einen Lektorenkollegen ins Spiel bringen. Letztlich gewinnen wir alle, wenn die Welt weiß, was wir alles können.

E-Books & Co.: Was sagt das Recht?

Den juristischen Rahmen, in dem die E-Book-Produktion und -Distribution abläuft, behandelte Rechtsanwalt Dr. Ralph Oliver Graef. Wann gilt bei E-Books die Buchpreisbindung, wann nicht? Welcher Mehrwertsteuersatz wird fällig? Welche Rechte hat ein Käufer digitaler Produkte und was ist mit dem Jugendschutz? Auf keine dieser Fragen gibt es einfache Antworten, das macht die Beschäftigung mit der Rechtsmaterie gleichermaßen schwierig und spannend, für einen Laien aber ist das kaum zu bewältigen.

Neue Erlösmodelle für Verlage gesucht

Um einen weiteren Rechtsbegriff oder vielmehr um die Folgen seiner Auflösung drehte sich die Open-Space-Veranstaltung „Und wofür wird bezahlt?“ von Dr. Thomas Ernst von der Universität Duisburg-Essen. Angesichts von Crowdscourcing, also dem gemeinsamen Verfassen von Texten in sozialen Netzwerken, lösen sich der Urheberbegriff und der Werksbegriff immer weiter auf, stellt Ernst zu Beginn fest. Damit wanke auch das traditionelle Erlösmodell von Verlagen. Wie also kann in Zukunft noch mit Literatur Geld verdient werden? Ein möglicher Ansatz besteht darin, den Verlag verstärkt als Serviceprovider für Autoren und Leser zu definieren, übrigens ein Modell, das in Vorträgen und Workshops immer wieder genannt wurde. Damit ergeben sich für uns Lektoren neue Möglichkeiten in der Zusammenarbeit mit Verlagen. Viele von uns bieten Autoren schon jetzt Beratungen rund um den Publikationsprozess und die Vermarktung an, helfen dabei, digitale Inhalte rund um die eigenen Bücher zu erstellen und in den sozialen Medien zu veröffentlichen, und bringen mit Beiträgen im eigenen oder in fremden Blogs Buch und Leser zusammen. Warum also diese Dienstleistungen nicht auch Verlagen anbieten und diese so in der Autoren- und Leserbetreuung unterstützen?

Auf allen Kanälen präsent

Wie Leserbindung im Netz und darüber hinaus funktionieren kann, zeigte Sibylle Bauschinger von der Agentur Bilandia mittels einer Case Study zum Thema „Channel Management statt Mediaplanung“. Für das digitale Imprint Feelings von DroemerKnaur entwickelt Bilandia nicht nur das Corporate Design, das eine sofortige Wiedererkennung der Reihe bei jedem einzelnen Titel sicherstellt, sondern auch die Contentstrategie und einzelne Marketingmaßnahmen. Feelings ist nicht nur mit einer eigenen Website und einem Facebook-Auftritt ausgestattet, sondern streut Inhalte zudem in weiteren Kanälen wie Instagram, Tumblr und einem eigenen Newsletter. Bauschinger rät dazu, die einzelnen Maßnahmen genau zu überwachen und entsprechend zu reagieren, um die Kundenansprache kontinuierlich zu verbessern. Zudem ist es sinnvoll, die Marketingaktivitäten für mehrere Bücher zu bündeln und so Ressourcen und Budget bestmöglich auszunutzen.

Und wo bleibt der Leser?

Welche Möglichkeiten der Leser – oder sollte ich eher sagen „der User“? – künftig haben soll, zeigten zwei Vorträge, die sich mit neuen Präsentationsformen von Literatur durch das elektronische Publizieren beschäftigten. Im Vortrag „Neue Technologien und Apps und ihr Nutzen für das Publizieren präsentierten Clarissa Höhener, Noemi Heule und Allegra Schiesser von der Universität St. Gallen die auf augmented reality basierende Log Book App. Mit ihr werden Besucher auf den Spuren von Dadaisten durch Zürich gelotst. Durch Hintergrundinformationen zu den Orten und Autoren, durch vorgelesene Textstellen und Musikstücke, aber auch durch Gamingelemente wie beispielsweise einem Spiel mit Masken soll Literatur lebendig werden. Ziel der App ist, Literatur in das digitale Zeitalter zu transportieren und mittels Technik erfahrbar zu machen. Klar erkennbar ist der touristische Hintergrund dieses Projekts, das in Zusammenarbeit unter anderem mit Zürich Tourismus entwickelt wird. Der Besucher ist gehalten, sich auf den Spuren der Literaten durch die Stadt zu bewegen und diese so zu erfahren. Zahlreiche Funktionen der App sind erst nutzbar, wenn sich der User an bestimmten Standorten befindet – etwas, was man durchaus auch als Gängelung empfinden kann. Einige der präsentierten Ideen und Features wirkten auf mich allerdings etwas überzogen, frei nach dem Motto: „Technisch machbar, also nehmen wir es mal auf.“

Ebenfalls ums Reisen ging es im Vortrag „Travel Episodes – Storytelling“ von Katharina Wulffius und Kornelia Holzhausen. Sie stellten die Website travelepisodes.com aus dem Piper Verlag vor, eine Multimedia-Plattform für Reisegeschichten, geschrieben von Reisejournalisten und Reisebloggern. Ergänzt werden die Texte durch Videos und Fotos – und das alles in bester Qualität. Die Website und ihre Geschichten vermitteln vor allem eines: die Lust am Reisen! Das halbe Publikum, so mein Eindruck (und so auch ich), packte während der Präsentation im Geiste schon den Rucksack. Für den Verlag biete die Website zahlreiche Vorteile, so die Vortragenden. So wird nicht nur der eigene Bekanntheitsgrad und der der Autoren gesteigert, es können auch neue Blogger, Reisejournalisten und Leser gewonnen werden. Inhalte, die sich für eine Veröffentlichung in Buchform nicht eignen, finden hier ein Zuhause. Zudem ergeben sich neue Erlösmodelle für den Verlag: Auf den Seiten können Unternehmen Werbung schalten, einzelne Episoden werden verkauft oder mehrere Episoden zu Sammelbänden zusammengefasst.

Die nächste future!publish-Konferenz findet am 26./27. Februar 2017 wieder in Berlin statt. Der VFLL wird wieder vor Ort sein. Natürlich, um auf dem Laufenden zu bleiben. Aber auch, um zu zeigen: Wir sind die richtigen Partner für Verlage und Autoren, wenn es um elektronisches Publizieren geht.

Cordula Natusch ist freie Lektorin und Koordinatorin der Arbeitsgruppe Digitalisierung und Selfpublishing im Verband der freien Lektorinnen und Lektoren.

Cordula Natuschs Website und ihr Profil im Lektorenverzeichnis

Blog-Beitrag über die future!publish von Felix Wolf: Publishingexperten gesucht: Was muss ein Dienstleistermarktplatz bieten?

Blog-Beitrag von Claudia Lüdke: Print oder digital? Beides aber anders

2 Gedanken zu „Lektoren als Partner in Zeiten des digitalen Wandels

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