Welttag der Alphabetisierung an jedem 8. September

Menschen, die kaum lesen können, gibt es nicht nur in der weiten Welt, sondern auch bei uns. Einfache Sprache erleichtert ihnen die Teilhabe an der Gesellschaft.

Von Angelika Pohl

Der von der UNESCO ausgerufene Welttag der Alphabetisierung ist auch für Europa von Bedeutung. Und Deutschland ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Hierzulande leben rund 7,5 Millionen erwachsene sogenannte funktionale Analphabeten. In Dänemark hat sich der Begriff Wortblinde etabliert. Für die Betroffenen sicher erst einmal die angenehmere Bezeichnung: Einem/einer Blinden wird Hilfe ganz selbstverständlich zuteil, sie anzunehmen ist entsprechend unproblematisch.

Das Tabu im Land der Dichter und Denker

Als Analphabet hingegen wird niemand gern bezeichnet. Nicht lesen zu können ist bei uns extrem tabubesetzt. Daher verwundert es nicht, wenn viele Betroffene betonen, dass sie lesen können bzw. bereits vor dem Besuch von Kursen an der VHS lesen konnten – nur eben langsam und sie hätten nicht immer alles verstanden. Tatsächlich steht für diesen Umstand das Adjektiv funktional. Nur wenige der funktionalen Analphabeten können gar nichts mit den Buchstaben anfangen, denn die Mehrheit hat trotz des Lesedefizits einen Schulabschluss. Sie können einzelne Wörter lesen und schreiben. Gut 5 der 7,5 Millionen verstehen auch einfache Sätze und kurze Texte. Das reicht nur nicht wirklich, um in unserer Gesellschaft den Erwartungen gemäß zu „funktionieren“, von voller Teilhabe ganz zu schweigen.

Foto: Pixabay

Kein Witz

„Ich kann lesen, ich verstehe nur nichts.“ Das klingt beim ersten Hören wie ein Witz. – Nein, ich habe nicht gelacht. Ich kannte eine Variante davon schon aus dem Studium, aus einem Kurs, in dem das schnelle Lesen durch Zeilenspringen trainiert wurde. „Ich kann schnell lesen, ich verstehe dann nur nichts“, stellte eine Teilnehmerin sich und ihr Problem vor …

Lesen? Verstehen?

(Vor-)Lesen, ohne zu verstehen. Wer eine Weile nachdenkt, findet bestimmt eigene Beispiele: ein Text, gespickt mit Fachbegriffen, am besten noch aus einem fremden Fachgebiet; ein Fremdsprachentext im Anfangsunterricht, wenn man noch mit den fremden Buchstaben zu kämpfen hat (Russisch, Arabisch, Koreanisch z. B.); eine unübersichtliche Gebrauchsanleitung in klitzekleiner Schrift. Immer wenn viel Aufmerksamkeit fürs reine Entziffern oder Erfassen der Struktur usw. nötig ist, bleibt fürs sofortige Verstehen nicht viel Energie übrig. Und hat man einen solchen Text vor sich, steht er einem richtig bevor: Es kostet dann Überwindung, trotzdem loszulesen.

Jeder Text ein Angang

So geht es funktionalen Analphabeten ständig. Jeder Text ist ein Angang. Das ist sehr anstrengend und auch frustrierend. Die Menschen sind ja nicht weniger interessiert, aber sie müssen sich jedes Fitzelchen Information, das nicht gerade TV-Konjunktur hat, hart erarbeiten, wenn sie es denn überhaupt aufspüren können.

Einfache Sprache für die Teilhabe

Einfache Sprache (ESp) hilft gleich mehrfach: Sie ist quasi schon von Weitem zu erkennen, rein optisch. Im besten Fall linksbündig in größerer Schrift, mit vielen Zwischenüberschriften und unterstützend bebildert. Texte in ESp sind erwachsenengerecht. Ihr Inhalt ist relevant oder sonst zumindest unterhaltend.

Wem das sinnentnehmende Lesen schwerfällt, kann sich durch Texte in ESp trotzdem informieren. Beziehungsweise umgekehrt: Über Einfache Sprache kann diese Gruppe informiert werden.

Einfache Sprache als Weg

Für die Menschen, die sich ihre Schwäche eingestanden und in VHS- oder anderen Kursen wieder ans Lernen gemacht haben, für die sind Texte in Einfacher Sprache ein Übergang, ein Weg, der auch für sich genommen schon gehenswert ist. Nicht nur, weil die Texte von Anfang an Inhalt bieten, sondern auch, weil ihr sprachliches Niveau steigt, bis es in die sogenannte Standardschriftsprache übergeht.

Einfache Sprache als erste Hilfe

So gesehen passt es doch, dass zumindest in diesem Jahr der Internationale Tag der Ersten Hilfe auch auf den 8. September fällt. Denn für nicht wenige ist Einfache Sprache die erste Hilfe auf dem Weg zum verstehenden Lesen von Alltagstexten.

Großes Foto: Angelika Pohl


Website und Profil von Angelika Pohl

2 Gedanken zu „Welttag der Alphabetisierung an jedem 8. September

  1. Angelika Pohl

    Die Puppe lehnt an einem Erste-Hilfe-Kasten fürs Auto. Oder kann auch ein Spielzeug-Arztköfferchen sein. Ich weiß es nicht mehr. Wir benutzen es schon ewig für Pflaster und Co. Für beides ist es nicht unüblich, Rot als Grundfarbe zu nehmen und das Kreuz dann weiß zu machen.
    Aber das Thema des Artikels ist die Einfache Sprache und wie sie Menschen mit Lesedefiziten helfen kann.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.