Leichte Sprache muss sein!

Leichte Sprache ist gelebte Inklusion. Die Leichte Sprache ermöglicht nämlich Menschen mit kognitiven Einschränkungen, an Informationen zu kommen. Und Informationen ermöglichen mehr Selbstbestimmung und Teilhabe.

Von Angelika Pohl

Ja, es stimmt. In der Leichten Sprache wird der Genitiv genauso wenig wie der Konjunktiv genutzt. Und auch die Schreibung mit Binde-Strich wird neben der mit Medio·punkt für lange, nicht vermeidbare Wörter verwendet. Letzteres trug der Leichten Sprache die verunglimpfend gemeinte Bezeichnung Bindestrichsprache ein. Die bissigen Kommentare zum Wegfall von Genitiv und Konjunktiv möchte ich hier gar nicht wiederholen.

Lesen hilft!

Dabei haben die Autor*innen dieser Kommentare eines nicht getan: Sie haben einfach nicht richtig gelesen! Denn sonst hätten sie erfahren, für wen die Leichte Sprache gedacht ist, nämlich nicht für sie.

Ihre geliebten Sprachmittel sind also gar nicht in Gefahr. Die Leichte Sprache hat eine ganz eigene, begrenzte Zielgruppe. Sie wurde für Menschen mit kognitiven Einschränkungen entwickelt.

Passend für die Adressaten und Adressatinnen

Natürlich ist auch das Gendern durch Doppelnennung im Visier der Kritik. Das Argument: Wenn es um Einfachheit gehe, solle man den Leser*innen doch keine unnötigen Wörter zumuten; das sei doch kontraproduktiv.

Nein, ist es nicht, und zwar deshalb nicht, weil die Doppelform beim Lesen entlastet. Es muss nicht parallel zum Akt des Lesens überlegt werden, ob wirklich nur Männer gemeint sind.
Beispiel: Steht in einer Broschüre „Dann gehen Sie zum Arzt.“, dann will ein geistig behinderter Mensch eventuell nicht zu einer Ärztin gehen. Denn er oder sie hat ja gerade gelernt, dass es ein Arzt sein soll. So steht es in der Broschüre.

Schonungslos direkt

Es geht noch weiter: Auch das Passiv soll in der Leichten Sprache nicht verwendet werden. Machen Sie sich mal den Spaß und wandeln alle Passivsätze eines beliebigen Zeitungsartikels in Aktivsätze um. Vieles wird sofort direkter und klarer. Aber vielleicht realisieren Sie auch erst dadurch, was an Inhalt weggelassen wurde. In der Leichten Sprache muss die Autor*in den Akteur, die Akteurin der Handlung nennen.

Zielgruppe der Leichten Sprache

Die Leichte Sprache ist in erster Linie für Menschen mit geistiger Behinderung gedacht. Ihnen helfen kurze, klare Sätze und eine einfache, lineare Textstruktur beim Verstehen. Dabei fallen zwangsläufig Nuancen unter den Tisch. Das ist aber nicht nur ein Weniger, es ist auch ein Mehr. Ein Mehr an Klarheit. In der Leichten Sprache muss genau geschrieben werden, was gemeint ist. Da gibt es nichts Mitgemeintes und nichts Eigentliches.

Wahlunterlagen in Leichter Sprache

Was ist nun von den berühmt-berüchtigten Wahlbenachrichtigungen in Leichter Sprache zu halten? Meines Erachtens müssen zwei wichtige Bedingungen erfüllt sein, dann spricht nichts dagegen. Erstens müssen Sinn und Zweck nachvollziehbar erklärt werden, sowohl im Vorfeld (Stichwort Öffentlichkeitsarbeit) als auch im Anschreiben selbst. Zweitens: Der Text muss gut sein. Wenn ich das Wort Post-Leit-Zahl gesehen hätte, hätte ich auch gedacht, die spinnen doch wohl.

Eine gut gemachte, gut eingeführte Wahlbenachrichtigung in Leichter Sprache tut der Wahl keinen Abbruch, sie erleichtert aber vielen Menschen, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen; und das ganz ohne Zusatzkosten.

Schlechte Texte

Gibt es schlechte Texte in Leichter Sprache? Aber hallo, klar (siehe oben)! Das ist jedoch kein Alleinstellungsmerkmal. Schlechte Texte kann man schließlich in jeder Sprachvariante finden. Aber eben auch gute.

Gute Texte

Die Lebenshilfe Berlin e. V. zum Beispiel schreibt jedes Jahr einen Wettbewerb aus („Die Kunst der Einfachheit“) und stellt jeweils die besten Texte auf der Leipziger Buchmesse vor.
Der Duden hat in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle Leichte Sprache der Universität Hildesheim in diesem Jahr zum ersten Mal einen Preis für den besten Fachtext in Leichter Sprache ausgeschrieben. Am 18. Oktober wird die Gewinner*in ausgezeichnet und ihr/sein Text hoffentlich als gutes Beispiel breit bekannt gemacht.

Und wenn Sie diese Texte dann aus Interesse lesen, denken Sie bitte daran: Sie sind nicht für Sie gedacht. – Aber vielleicht gefallen sie Ihnen ja trotzdem.

Foto: Pixabay / Collage: Angelika Pohl


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