Guten Freunden gibt man ein Küsschen, Freundinnen gehen leer aus?

Im Frühjahr 2018 traf sich die VFLL-Regionalgruppe Stuttgart, um über das Thema gendergerechte Sprache zu diskutieren. Den fachlichen Input lieferte Lektorin und VFLL-Mitglied Dr. Ute Döring. Nach einem kurzen Themenüberblick von Ute erfuhren wir in einem Streifzug durch den Schulbuchmarkt, dass dort gendergerechtes Formulieren eine vergleichsweise große Rolle spielt.

Von Thirza Albert

Außerhalb des Schulbuchbereichs herrscht dagegen oft eine große Unbedarftheit im Umgang mit dem Thema, darüber wurden wir schnell einig. Das Gendern, also die Anwendung einer geschlechtergerechten Sprache, wird häufig mit der Feminismusdebatte der 1970er- und 80er-Jahre zusammengesehen und der Vergangenheit zugeordnet.

Zu Unrecht, wie wir finden, denn nach wie vor begegnet uns in der Sprache ein massives Ungleichgewicht. Das viel beschworene „generische Maskulinum“ wird allzu schnell als Entschuldigung herbeigezerrt – was vor allem dort deutlich wird, wo hauptsächlich Frauen gemeint, aber Männer benannt werden. Beispiel: „Ich gehe morgen zum Friseur.“

Das Binnen-I wird in der Schweiz zum Gendern verwendet, Foto: Katja Rosenbohm

In der Schweiz ist die Verwendung des Binnen-I zum Gendern kein Thema, Foto: Katja Rosenbohm

Im Umgang mit den Texten unserer Kundinnen und Kunden kennen alle in unserer Runde zurückhaltende Reaktionen. Viele fürchten, ihre Texte könnten sperrig oder steif werden, wenn allzu konsequent immer beide Formen genannt würden. Auch wenn sie von der Sache her die Geschlechtergerechtigkeit häufig positiv bewerten. Und darin stimmen wir überein: Auch unserem Berufsstand ist es zuwider, die Sprache künstlich aufzublähen! Gesucht sind also elegante Mittel, die dezent wirken und doch ihren Zweck erfüllen.

Wir plädieren also für ein Schöpfen aus den verschiedenen Mitteln, die die Sprache uns bietet, und für ein Vorgehen nach Maßgabe des Sprachgefühls und des Pragmatismus.

Diese Mittel sind zum Beispiel:

  • Weibliche und männliche Form werden vollständig genannt: Schülerinnen und Schüler
  • Verwendung des Schrägstrichs: die Schüler/-innen, der/die Erziehungsberechtigte
  • Verwendung des Binnen-I: SchülerInnen / des Sternchens: Teilnehmer*innen / des Unterstrichs: Teilnehmer_innen (Diese drei Möglichkeiten gelten aktuell nicht als dudenkonform; dennoch erscheint uns vor allem das Binnen-I in bestimmten Kontexten als gute Lösung.)
  • Ersetzen der Bezeichnungen durch Begriffe, die im Genus neutral sind: Lehrkräfte statt Lehrer/-innen, Ansprechperson statt Ansprechpartner/-innen, Fachleute statt Fachmänner/Fachfrauen.
  • Anstelle einer Person das Kollektiv/die Funktion/die Institution nennen: Kundschaft, Ministerium, Kollegenkreis
  • Mit Pronomen umformulieren: allen, die/jenen, welche; z. B. alle, die sich bewerben statt alle Bewerber
  • Mit passiven Formulierungen arbeiten: „Es wird regelmäßig geprüft …“ statt „Die Ausbilder prüfen regelmäßig …“
  • Umformulierung mit Adjektiven: ärztlicher Rat statt der Rat des Arztes
  • Abwechselnde Nennung der weiblichen und männlichen Form (wie im Leitfaden Freies Lektorat)
  • Verwendung von Partizipien: Teilnehmende/Studierende

Das Einklammern der Ergänzung halten wir (trotz Dudenkonformität) für keine empfehlenswerte Lösung, da durch die Klammer impliziert wird, der Wortteil könne wegfallen: z. B. Kellner(innen).

Bedingt durch den Sprachwandel, die Unterschiedlichkeit der Textsorten und die Vielfalt der Adressaten können wir eine einheitliche und für alle Fälle verbindliche Lösung nicht empfehlen. Ziel ist, dass wir im Wissen um die Möglichkeiten, die die Sprache uns bietet, bewusst Maßnahmen auswählen und dass wir uns ebenso bewusst auch einmal gegen das Gendern entscheiden können.

Fotos: (c) Katja Rosenbohm


Thirza Alberts Website und Profil im Lektorenverzeichnis


Mehr zum Thema: Rezension zu „Richtig gendern“ auf der VFLL-Website

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