„Derzeit finde ich die Kunst sehr politisch“

Sie macht Lust auf Lyrik, ist unter anderem Bachmann-Preisträgerin, führt nach eigener Aussage „ein lebhaftes Leben in den sozialen Netzwerken“ und hat seit Neuestem eine Professur für Poetik an der Uni Klagenfurt inne. Im September kommt sie zu den Lektorentagen 2018 auf die Nürnberger Kaiserburg. Richtig, es geht um Nora Gomringer! Wir freuen uns sehr, dass wir sie als Keynote-Speakerin und als Gast unserer Podiumsdiskussion zum Thema „Publizieren der Zukunft. Besser mit uns!“ begrüßen dürfen. Heute gibt uns Nora Gomringer einen Ausblick auf ihren Beitrag.

Von Katharina Zeutschner

Seit 2010 bist du Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg. Wie hat sich deine Arbeit in dieser Zeit verändert und welche Impulse setzen Künstler heute?

Mit den Veränderungen in unserem Kuratorium, das für die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler verantwortlich zeichnet, veränderte sich auch der Schwerpunkt. Konzeptkunst, Trash-Materialien, kaum Gemälde, oft lebhafte Verbindungen mit Wissenschaften und alchemistischen Traumvorstellungen, hier und da Videokunst, teurere Filmproduktionen. Das Ephemere und an die nomadische Lebensweise der Künstler Angepasste hat viel Raum eingenommen. Viele Komponisten sitzen ja auch nicht mehr direkt am Instrument, sondern am PC. Das verändert im wahrsten Sinne die Formate künstlerischer Arbeit, sowohl im Prozess als auch im Ergebnis. Was sich nicht angepasst hat, sind die Rezeption und ihre Mittel. Die Feuilletons – wenn es sie noch gibt – beurteilen und stellen in Kategorien dar, die die Künstler ständig versuchen zu umgehen. Ich persönlich glaube, dass meine Lyrikbände mitunter besser bei den Kritikern der Bildenden Kunst oder der Wissenschaft aufgehoben wären. Ich meine – ganz generell gesprochen – eine Besinnung der Künstler auf Umwelt, Handwerk und Emotion zu bemerken. Aussprechen tun das die wenigsten, aber wo die Produktionsmittel fehlen, werden Sinn und Aussage der Arbeiten wesentlich wichtiger als Wirkung. Derzeit finde ich die Kunst deshalb sehr politisch. Bis ins Intimste setzen sich die Künstler ins Verhältnis zur Welt.

Nora Gomringer ist Keynote-Speakerin bei den Lektorentagen 2018

Bachmann-Preisträgerin Nora Gomringer zu Gast bei den Lektorentagen 2018, Foto: (c) Nora Gomringer

Ein Computer „malt“ einen täuschend echten Rembrandt und nicht nur der Roboter-Journalismus ist auf dem Vormarsch, sondern künstliche Intelligenz (KI) schreibt längst selbstständig Romane. Was bedeuten Digitalisierung und KI für dich im Umgang mit Sprache?

Bisher hat das keine Bedeutung und sicher ist es blauäugig, dass ich mich darum bisher nie gesorgt habe. Auf der anderen Seite gibt es natürlich spielerische Experimente, ich nenne sie „Closer to the Ghost in the Machine“. Wenn man sich zum Beispiel einen Dialog mit Siri oder Alexa ausdenkt, sich vom Navigationssystem nach Hause lotsen lässt etc. Der direkte Austausch mit Menschen ist immer noch so fragil und stabil wie seit jeher. Er tut der Seele wohl und zerfetzt sie, wenn der, mit dem wir sprechen, mies ist oder Gemeinheit in uns triggert. Das Übersetzungswesen ist in seltsamer Weise direkt netzweltlich geworden. Nicht selten gibt es Umfragen via FB-Profil: Wie würdet ihr das verstehen, übersetzen, bewerten? Da denke ich immer: Der Schwarm, die Menge der Gehirne, das Netzwerk kann auch trösten.

Wird Lesen als Kulturtechnik verschwinden, weil wir das geschriebene Wort künftig nicht mehr brauchen?

Allein das Bedürfnis nach Intimität und Geheimnis wird das Lesen als Lockung erhalten. Wer liest, geht in sich hinein. Vielleicht müssen wir eher untersuchen, welches Menschenbild wir abgeben, wenn das mal nicht mehr ist.

Wir Lektorinnen und Lektoren sind ja von Haus aus äußerst wissbegierig. Verrätst du uns, an welchen Projekten und Ideen du gerade arbeitest?

Das sind eine ganze Reihe Auftragsarbeiten: Puppenbiografien für die wunderbaren, seltsamen, dunklen Puppen von Daniela Hoferer, ein Geisterhörspiel für die Komponistin Ulrike Haage beim NDR, Nachworte zu Effi Briest und Sappho bei Reclam, ein Chorwerk für den MDR und John Hollenbeck, ein Poesiefilm zu einem Rühmkorf-Gedicht, eine Rede zur Poesie für den Februar 2019 in München, kleinere Auftragstexte zu Mayröcker, David Bowie und Robert Gernhardt. Außerdem haben wir im Künstlerhaus derzeit Gäste aus Litauen und Deutschland. Hier füllt sich gerade der Veranstaltungsplan und da sind es in der Woche bis zu drei Reden bzw. Einführungen, die ich schreibe und halte.

Interview: Katharina Zeutschner

Fotos: (c) Sammisreachers / pixabay, (c) Nora Gomringer


Nora Gomringers Website

Katharina Zeutschners Website und Profil im VFLL-Lektorenverzeichnis


Save the date: Die Lektorentage finden vom 21. bis 23. September in Nürnberg statt.

Weitere Informationen zu den Lektorentagen 2018 und zur Anmeldung

Ein Gedanke zu „„Derzeit finde ich die Kunst sehr politisch“

  1. Pingback: Verbale Kommunikation und die Zukunft des Lektorats | Lektorenblog

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.