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Publishingexperten gesucht: Was muss ein Dienstleistermarktplatz bieten?

Ob Verlage, Selfpublisher oder andere Contentanbieter – sie alle arbeiten mit Freiberuflern zusammen. Die Publishingbranche steht vor der Frage: Wo sind die Profis zu finden, die die passenden Dienstleistungen zu einem bestimmten Projekt anbieten – und zudem wirklich qualifiziert sind? Das Lektorenverzeichnis des VFLL könnte Pate stehen für eine branchenübergreifende Online-Dienstleisterplattform, an der bereits gearbeitet wird.

Von Felix Wolf

Dass die Publishingbranche zunehmend auf die Expertise freiberuflicher Dienstleister zurückgreift, ist für uns Lektoren längst keine Neuigkeit mehr – schließlich hat unser Freiberufler-Verband 2015 bereits sein 15-jähriges Bestehen gefeiert. Durch die Digitalisierung hat dieser Trend aber von Neuem Fahrt aufgenommen und längst andere Berufsfelder erreicht. Freiberufliche Publishingexperten aus allen Arbeitsbereichen sind gefragt wie nie. Das Problem für jeden, der ihre Unterstützung sucht, ist nur: Wo findet er Profis, die die passenden Dienstleistungen für sein Projekt anbieten? Was fehlt, ist eine Onlineplattform, die Publishingakteure und freiberufliche Experten zusammenbringt. Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag zum Thema, den ich am 29. Januar 2016 auf der Konferenz future!publish in Berlin gehalten habe. Er stellt viele Fragen – und soll das Gespräch über das Thema anstoßen, damit wir gemeinsam Antworten finden.

Was ist los auf dem Publishingmarkt?

Die Branche befindet sich im Umbruch, und die Veränderungen wirken sich auf drei Ebenen auf die Arbeitsverhältnisse aus:

  • Modularisierung des Publikationsprozesses: Einen Großteil der Arbeitsschritte, die früher ausschließlich in Verlagen stattfanden, kann man heute als Dienstleistungen auf dem freien Markt kaufen.
  • Flexibilisierung des Marktes: Neue Technologien treiben den Wandel der Branche immer weiter voran. Für Experimente mit neuen Produktformen holt man sich das notwendige Expertenwissen gern projektbezogen ins Boot.
  • Vielfalt der Publisher: Verlage sind längst nicht mehr die einzigen Akteure auf dem Publishingmarkt. Die Selfpublishing-Szene blüht. Daneben treten immer mehr branchenfremde Unternehmen auf den Plan, die unter dem Buzzword Contentmarketing entdecken, wie man durch Texte Geld verdienen kann.

Wer allerdings Unterstützung von Freiberuflern für sein Veröffentlichungsprojekt sucht und nicht über entsprechende Kontakte verfügt, hat eine kleine Odyssee vor sich. Unzählige Websites bieten Zugang zu Expertennetzwerken, aber keine das Komplettpaket von Publishingdienstleistungen für alle Zielgruppen. Auch das VFLL-Lektorenverzeichnis – so komfortabel die Suchfunktion und so überzeugend der Erfolg seit dem Start 2015 – ist natürlich auf den Dienstleistungsbereich rund um die Textarbeit beschränkt.

Hinzu kommt, dass die allermeisten Plattformen keinerlei Qualitätskontrolle haben. Die Berufsverbände, so auch der VFLL, bieten durch ihre Aufnahmevoraussetzungen die Sicherheit, dass man es mit Profis zu tun hat. Bei den meisten anderen Dienstleistermarktplätzen gilt hingegen: Eintragen kann sich jeder oder zumindest jeder, der bereit ist, dafür zu bezahlen. Ein weiteres Problem vieler Netzwerke ist schließlich, dass die Userexperience zu wünschen übrig lässt: Es macht einfach keinen Spaß, sie zu nutzen.

Was gewinnen wir mit einer Dienstleisterplattform?

Es ist also höchste Zeit für einen „One-Stop-Shop“, der auch in Sachen Qualität und Funktionalität überzeugt. Die Vorteile einer solchen branchenübergreifenden Lösung liegen auf der Hand:

  • Alle Dienstleistungen, die man für ein Veröffentlichungsprojekt im digitalen Zeitalter braucht, sind an einem Ort versammelt. Für Auftraggeber wird die Expertensuche einfacher.
  • Publisher und Publishingexperten haben die Möglichkeit, sich schnell und komfortabel zu vernetzen.
  • Eine Qualitätssicherung gibt Auftraggebern die Sicherheit, dass sie Profis engagieren.
  • Nicht zuletzt ist die Plattform ein Ort, an dem faire Konditionen für alle Beteiligten ausgehandelt werden.

Den Akteuren des Publishingmarkts hilft die Plattform dabei, die Möglichkeiten des digitalen Wandels effektiver zu nutzen.

Für Verlage eröffnet sich eine größere Flexibilität, zum einen natürlich, weil Freiberufler flexible Arbeitszeiten haben. Zum anderen bietet ein Freelancer-Marktplatz Zugang zu einer Expertenvielfalt, die ein Verlag in solcher Breite inhouse gar nicht aufbauen kann. Diese Ressource macht es möglich, auf neue Entwicklungen und Anforderungen des Marktes schnell zu reagieren und Produktinnovationen voranzutreiben. Natürlich wirkt sich die Zusammenarbeit mit Freiberuflern auch kostensenkend aus, denn es fallen weniger Nebenkosten an und die Höhe der Ausgaben kann sich durch die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Freiberuflern von Projekt zu Projekt ändern.

Selfpublishing-Autoren und branchenfremde Unternehmen, die häufig in der Branche kaum vernetzt sind, können über eine Dienstleisterplattform wertvolle Expertenkontakte aufbauen. Wenn die Dienstleistersuche derart vereinfacht wird, gewinnen sie Zeit und können sich auf das konzentrieren, was sie am besten machen: das Schreiben bzw. das eigentliche Tagesgeschäft.

Freiberufliche Dienstleister erhalten eine zentrale Möglichkeit zur Präsentation ihrer Arbeit sowie durch die Aufnahme ins Expertennetzwerk der Plattform ein Qualitätssiegel und können letztlich ihren Aufwand für die Akquise reduzieren.

Was muss die Plattform leisten?

Damit alle Beteiligten den größtmöglichen Nutzen aus dem Onlinenetzwerk ziehen können, sind bei der Konzeption verschiedene Fragen zu klären.

Wie sieht die Qualitätssicherung aus? Aus meiner Sicht ist das einer der wichtigsten Aspekte. Der Königsweg ist eine Kuratierung durch das Betreiberteam, das Dienstleister anhand von Qualifikationsbelegen oder Arbeitsproben prüft, bevor sie in die Datenbank aufgenommen werden. Dieses Verfahren bindet allerdings Personal und verursacht so hohe Kosten. Die Alternative sind Bewertungen der Dienstleister durch die Auftraggeber. Als alleinige Maßnahme reichen sie meines Erachtens aber nicht aus, denn sie sind notwendigerweise subjektiv. Zudem muss erst eine gewisse Zahl an Bewertungen vorhanden sein, bevor sie im Gesamten Aussagekraft für potenzielle Auftraggeber haben. Das kann auch bedeuten, dass erst einmal einige Auftraggeber schlechte Erfahrungen machen müssen – die sich dann möglicherweise enttäuscht von der Plattform abwenden.

Wie läuft die Vermittlung über die Plattform ab? Die einfachste Lösung ist eine selbstständige Suche der Auftraggeber in der Dienstleisterdatenbank – nach diesem Modell funktioniert auch das VFLL-Lektorenverzeichnis. Eine andere Möglichkeit machen Freiberuflerportale wie freelance.de mit ihren Projektmarktplätzen vor: Auftraggeber präsentieren ihre Projekte und interessierte Dienstleister geben dazu Angebote ab. Das ist quasi das Modell der VFLL-Auftragsanfrage als Plattformfunktion gedacht. Das höchste Maß an Service und Komfort würde Auftraggebern schließlich eine Website bieten, die auf Anfrage maßgeschneiderte Projektteams zusammenstellt.

Was ist das Geschäftsmodell? Die Plattform kann entweder eine Vermittlungsgebühr von den Auftraggebern verlangen oder eine Provision vom Honorar der vermittelten Dienstleister einbehalten. In jedem Fall ist es notwendig, Benutzerkonten zu führen, um die Vermittlung nachzuhalten und abzurechnen. Eine weitere Finanzierungsmöglichkeit ist eine regelmäßige Gebühr für alle Nutzer, wie sie z. B. das amerikanische Unternehmen bibliocrunch.com erhebt. Dort zahlen Auftraggeber wie Dienstleister aktuell entweder 25 $ pro Monat oder 119 $ pro Jahr – sofern sie das komplette Angebot nutzen wollen. Es gibt auch eine kostenlose Mitgliedschaft mit eingeschränkten Funktionen.

Was wir aus dem Ausland lernen können

Zur Inspiration, wie die vorgenannten Fragen zu lösen sind, lohnt der Blick ins englischsprachige Ausland, wo bereits mehrere Plattformen um die besten Dienstleister und die Aufmerksamkeit von Autoren, Verlagen und Unternehmen konkurrieren. Die Unternehmen Whitefox und Reedsy machen aus meiner Sicht vieles richtig, vor allem in Sachen Qualitätssicherung.

Whitefox wurde 2012 gegründet und hat seitdem ein Netzwerk von rund 1500 Freiberuflern aufgebaut. Die Plattform deckt das gesamte Spektrum moderner Verlagsdienstleistungen ab: Contenterstellung, Lektorat, Übersetzung, Gestaltung, Projektmanagement, Digitalservices, Marketing und PR, Vertrieb und Beratung. Eine effektive Qualitätssicherung erreicht Whitefox durch die Kuratierung seines Netzwerks: Die Dienstleister werden von den Mitarbeitern, allesamt erfahrene Verlagsprofis, ausgewählt. Das Unternehmen erspart seinen Kunden die eigenständige Suche in der Dienstleisterdatenbank: Whitefox stellt für jedes Projekt ein maßgeschneidertes Team von Freiberuflern zusammen und handelt das Honorar für sie aus. Der Auftraggeber zahlt dafür eine Vermittlungsprovision. Das Modell ist erfolgreich. Whitefox Portfolio umfasst renommierte Verlage wie Penguin und Faber & Faber, Institutionen wie das British Museum, aber auch internationale Unternehmen wie die Universal Music Group sowie Selfpublishing-Autoren.

Das 2014 gegründete Unternehmen Reedsy vermittelt Dienstleistungen ausschließlich an Autoren und verfolgt dabei nach eigener Aussage das Ziel, Selfpublishing und Verlagsprodukte in der öffentlichen Wahrnehmung auf dieselbe Stufe zu stellen. Das Team ist sich sicher: Der Weg dorthin führt nur über eine hohe Qualität der Selfpublishing-Texte. Und dazu braucht es Dienstleister, auf deren Professionalität sich die Autoren verlassen können. Deshalb legt Reedsy großen Wert auf die Qualitätssicherung: Nur 300 handverlesene Experten umfasst das Netzwerk, nach Aussage der Macher haben sie ein strenges Auswahlverfahren durchlaufen. Für seinen hohen Qualitätsanspruch steht das Team auch ein: Bei Unstimmigkeiten zwischen Autoren und Dienstleistern will man als Vermittler auftreten. Für den Fall, dass ein Autor nachhaltig unzufrieden ist, gibt Reedsy eine Geld-zurück-Garantie. Wer einen Dienstleister sucht, kann selbst die Datenbank durchforsten, passende Freiberufler kontaktieren und um ein Angebot bitten. Der Dienstleister, der den Zuschlag bekommt, zahlt 10 Prozent seines Honorars als Provision an Reedsy. Langfristig möchte Plattform für seine Autoren so etwas wie ein Verlag werden und ihnen einen Ort bieten, an dem sie den gesamten Produktionsprozess ihrer Veröffentlichung durchführen können. Dafür soll eine Reihe von Onlinetools sorgen, mit denen der Autor beispielsweise Honorarverhandlungen oder die Bezahlung abwickeln kann. Beeindruckend ist eine neue Funktion zur Textbearbeitung: Damit kann der Autor direkt auf der Plattform schreiben und mit seinem Lektor am Text arbeiten (Video). Aktuell findet man auf Reedsy übrigens nur Dienstleister für Lektorat, Gestaltung und Marketing, doch das Angebot soll zügig ausgebaut werden.

Ein Ausblick: Auf dem deutschen Markt tut sich was

So viele gute Ideen – kann doch nicht sein, dass die deutschsprachige Publishingbranche diese Chance verschläft! Das dachten sich auch zwei Startup-Gründer, die im Laufe des Jahres 2016 hierzulande einen Dienstleistermarktplatz eröffnen wollen – und zwar in Kooperation mit dem VFLL. Der Name des Unternehmens ist noch geheim, aber Details zum Geschäftsmodell durfte ich in meiner Präsentation bereits verraten. Zielgruppen sollen zunächst nur Autoren und Verlage sein. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass Dienstleistungen auch für Unternehmen aus anderen Branchen angeboten werden, da hier, wie oben erwähnt, ein großes Kundenpotenzial liegt.

Der modular aufgebaute Marktplatz besteht aus drei Bereichen:

  • Netzwerk von Publishingdienstleistern zur Vermittlung an Autoren oder Verlage
  • Community in einem integrierten Social Network, in der Autoren und Verlage miteinander sowie mit ihren Lesern in Kontakt treten können
  • Crowdfunding-Funktion zur Finanzierung von Buchprojekten

Die Vermittlung von Dienstleistern soll über einen Projektmarktplatz erfolgen: Auftraggeber stellen ihre Projekte vor, erhalten Angebote von Dienstleistern und wählen ihre Freiberufler aus. Dafür erhebt die Plattform eine Vermittlungsgebühr, ob Auftraggeber oder Dienstleister zahlen müssen, ist aber noch offen. Besonders interessant ist natürlich die Crowdfunding-Funktion. Autoren (oder Verlage) können ihre Buchprojekte präsentieren und um finanzielle Unterstützung werben. Die gewonnenen Mittel werden auf der Plattform verwaltet und projektgebunden an den Autor (z. B. für die Lebenshaltung während der Arbeit am Buch oder Lesereisen) oder an die von ihm ausgewählten Dienstleister ausgezahlt. Die dritte Säule, die Community, ist ein wesentlicher Faktor bei der Crowd-Finanzierung, denn hier hat der Autor/Verlag die Möglichkeit, sein Projekt bekannt zu machen und weitere Unterstützer zu mobilisieren. Außerdem kann er während der Arbeit an dem Buch in Austausch mit Buchfans treten und Feedback einholen. Die Community dient so auch als Testfeld für die Marktfähigkeit des Buches.

Auf meine Lieblingsfrage kann das Startup noch keine Antwort geben: Es ist noch nicht klar, wie die Qualitätssicherung des Dienstleisternetzwerks aussehen soll. Sie wird sich wohl irgendwo zwischen einer Kuratierung und Nutzerbewertungen bewegen – das ist vor allem eine Kostenfrage. Der VFLL wird natürlich beratend zur Seite stehen, wie sich die Professionalität der Dienstleister sicherstellen lässt. Und mit der geballten Erfahrung unserer Mitglieder können wir zumindest im Bereich Lektorat eine Menge Expertise ins Netzwerk einbringen.

PS: Für alle, die mehr über das noch namenlose Startup erfahren möchten, stelle ich gern den Kontakt zum Team her.

Felix Wolf ist stellvertretender Vorsitzender des VFLL und Koordinator der Arbeitsgruppe Digitalisierung und Selfpublishing.

Felix Wolfs Website und Profil im Lektorenverzeichnis

Der erste Beitrag zur future!publish-Serie: Print oder digital? Beides – aber anders von Claudia Lüdke

Der letzte Beitrag Lektoren als Partner in Zeiten des digitalen Wandels von Cordula Natusch

 

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