Bücherfrauen-Jahrestagung 2016: Gruppenfoto (© Heidi Wendelstein)

„Make books great again!“ – Die Jahrestagung der BücherFrauen 2016

Unter dem Thema „Lesekultur 2030 – Die Zukunft beginnt jetzt!“ versammelten sich die Mitglieder des Branchennetzwerks BücherFrauen e. V. vom 11. bis 13. November 2016 zur Jahrestagung in den historischen Räumen des Rathauses Schöneberg in Berlin. Neben der Mitgliederversammlung und zahlreichen Workshops kam beim Speeddating und der Samstagsabend-Party auch das Netzwerken nicht zu kurz. Marianne Eppelt, freie Lektorin aus Leipzig, war dabei und schildert im Blogbericht ihre persönlichen Eindrücke.

Von Marianne Eppelt

Lesekultur 2030 – Die Zukunft beginnt jetzt!

Zur Eröffnung hörten am Freitagabend die anwesenden Gäste im Louise-Schröder-Saal zunächst ein Grußwort der Bezirksstadträtin und stellvertretenden Bezirksbürgermeisterin Jutta Kaddatz, bevor Verlegerin Britta Jürgs mit einem Impulsvortrag (in voller Länge nachzulesen hier) dem Abend die Richtung vorgab. In der sich anschließenden Podiumsdiskussion moderierte die Journalistin Shelly Kupferberg ein so offenes wie kritisches Gespräch zwischen Katharina Borchardt (Literaturredakteurin des SWR2 und Mitglied der Weltempfänger-Jury von Litprom), Gudrun Ingratubun (Übersetzerin aus dem Indonesischen, Buchpädagogin und Buchkünstlerin), Karla Paul (Verlegerin edel & electric und Bloggerin) und Jana Stahl (Bloggerin und Podcasterin).

BücherFrauen-Jahrestagung 2016: Podiumsdiskussion

V. l. n. r.: Britta Jürgs, Jana Stahl, Shelly Kupferberg, Gudrun Ingratubun, Katharina Borchardt und Karla Paul (© Heidi Wendelstein)

Neben der Vielfalt des Lesestoffs und der Verlagswelt, die Britta Jürgs in ihrem Vortrag mit dem Begriff „Bibliodiversity“ auf den Punkt gebracht hatte, spielten die unterschiedlichen technischen Möglichkeiten, sich einen Text anzueignen, eine wichtige Rolle. Dass es ein friedliches  Nebeneinander gibt – Lesen von digitalem und gedrucktem Wort – verstand sich von selbst. Kritisch beleuchtet wurden die diversen Abgrenzungen und Hürden innerhalb der Branche, von der Unterscheidung zwischen U- und E-Literatur über den Graben zwischen Buchbloggern und Feuilleton-Rezensenten, Differenzen von Verlagsautoren und Selfpublishern bis letztlich zu Technik- und Vertriebsfragen, die sich je nach Medium und Autorenzugehörigkeit anders stellen. Karla Paul hob besonders hervor, dass im E-Book-Bereich eine konkrete Abhängigkeit von einigen wenigen Shops besteht, es keinen unabhängigen, digitalen Buchhandel, sondern eine Vertriebs-Monokultur gibt.

In der sich anschließenden offenen Diskussion nahm die Frage nach einer nachhaltigen Lesekultur einen prominenten Platz ein und – so viel Spoiler sei erlaubt – verschwand für das Wochenende auch nicht mehr von der Tagesordnung. Sei es in der die Forderung, öffentliche Bibliotheken als kommerzfreie Orte besser zu unterstützen, oder in dem deutlichen Hinweis, dass lesen und lesen lernen bestimmter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen bedarf. Dass das Büchermachen kein Geschäft ist, das sich nur ums Geldverdienen dreht, sondern eben auf eine andere Form von Mehrwert abzielt, machte Britta Jürgs nachdrücklich deutlich. Trotz der vielen diskutierten Hemmnisse und Einschränkungen für eine freie und vielfältige Verlagslandschaft wollte das Podium sich nicht unterkriegen lassen. Mit dem Slogan „Make books great again!“ verabschiedete man sich in den Abend.

Nachhaltiges Büchermachen

Die Workshops am Samstag waren so zahlreich wie vielfältig. In den verschiedenen historischen Räumen, wie dem geschichtsgeladenen Kennedy-Saal, der ehemaligen Verwaltungsbibliothek oder dem prunkvollen Goldenen Saal, tagten die BücherFrauen intensiv zu den verschiedensten Themen rund um Lesekultur und die Entwicklung der Branche bis zum Jahr 2030.

BücherFrauen-Jahrestagung 2016: Workshop Crowdfunding

Ines Heinrich und die Teilnehmerinnen des Workshops „Crowdfunding für Bücher“ in der ehemaligen Verwaltungsbibliothek (© Heidi Wendelstein)

Den Blick in die Zukunft warf man z. B. ganz pragmatisch mit der Frage, wie sich das elektronische Buch technisch weiterentwickelt, wie es finanziert und vertrieben werden wird. Für 2030 wünscht man sich eine analoge, persönliche „Geschichtenhandlung“ für textbasierte Medien jedweder Art. Wer beim Lesen wie gefördert werden sollte und wie der gesamte Kulturbetrieb bzw. die Kulturpolitik sich in Zukunft darstellt, wurde ebenso erörtert wie die Chancen von Crowdfunding als Option zur Finanzierung von Buchprojekten. Auch hier fand der Gedanke der nachhaltigen Buchproduktion mit fairen Honoraren für alle Beteiligten seinen Nachhall. Wie wäre es mit einem Verlagsförderpreis analog zum Buchhandelspreis? Wäre nach dem VG-Wort-Urteil ein Rettungsschirm für unabhängige Verlage wie für Banken nach der Bankenkrise denkbar?

Diversität nicht nur bei  Verlagen und Themen, sondern auch hinsichtlich der Schreibenden war das Thema eines weiteren Workshops. Der Schwerpunkt lag auf der Integration von geflüchteten Autoren und Verlegern in die Branche und dem Hinweis, dass geflüchteten Kulturschaffenden auch die Anerkennung ihrer Leistungen wichtig ist, statt stets auf den Status als „Geflüchtete“ reduziert zu werden.

Natürlich kam auch die Frage nach der Gleichberechtigung der Geschlechter nicht zu kurz: Da die Sichtbarkeit von Frauen im Literaturbereich noch immer sehr zu wünschen übrig lässt, gründete sich hierzu kurzerhand eine AG, wie am Sonntagmittag bei der Präsentation der Ergebnisse aus den Workshops fröhlich verkündet wurde.

Ein weiterer Workshop widmete sich den Bibliotheken als öffentlichem Leseort. Sie sind kommerzfreie Orte, die unabhängig von Alter, Einkommen oder sonstigem Status für alle zugänglich sind, Bildungsmöglichkeiten und Unterhaltung bieten. Insofern kommt ihnen eine gesellschaftliche Relevanz zu, die sie zu einem wichtigen Baustein der öffentlichen Daseinsvorsorge macht, was sich aber nicht in einer ausreichenden und sicheren Finanzierung niederschlägt – ein Umstand, der nicht nur in Berlin mit großer Besorgnis gesehen wird. So kamen  die Teilnehmerinnen zu dem Schluss, dass die Forderung nach einer besseren Unterstützung öffentlicher Bibliotheken vehementer an die Politik herangetragen werden muss.

Die bedrohlichen „P“

Ein weiterer Workshop zu Technik und Lesen in der Zukunft beschäftigte sich mit digitalen Plattformen und Selfpublishing. Autoren stehen heute mehr Möglichkeiten denn je offen, ihre Werke zu veröffentlichen. Diese Qual der Wahl und auch die unterschiedlichen Erwartungen und Positionen wurden in der Diskussion klar erkennbar. Wie verändert sich die Zusammenarbeit zwischen Autorinnen und Verlegerinnen, wenn die Autorin bereits Erfolge als Selfpublisherin hatte? Wo und wie finden Leser und Autor sich überhaupt gegenseitig? Welche Rolle kann der stationäre Buchhandel dabei spielen, wo bislang kaum Autorinnen im Eigenverlag auftauchen? Wie wird sich das Arbeitsfeld von Agentinnen verändern, wie reagieren Lektoren und andere freie Dienstleister auf diese Veränderung? Die vielen Fragen zeigen den ausgiebigen Diskussionsbedarf, der nicht nur innerhalb dieser beruflich breit aufgestellten Gruppe zutage trat.

Im von ihr mitverantworteten Workshop „Degradierung von Kultur zur Dienstleistung? TTIP, Urheberrecht und der Wert des Kreativen im digitalen Zeitalter“ benannte Autorin Nina George deutlich die drei bedrohlichen „P“ für die Buchbranche: „Piraterie“, „Preisverfall und Preiskämpfe“ sowie „Programmvielfaltsmangel“. Kämpferisch skizzierte sie die Entwicklungen der letzten Jahre, die u. a. durch Monopolisierung einen asymmetrischen Markt hervorbringen, z. B. bei der Distribution von E-Books durch wenige große Anbieter, die jeweils mit geschlossenen Systemen arbeiten, sodass die Kunden nur mit einem bestimmten Lesegerät Zugang zu bestimmten Texten in bestimmten Formaten haben. Einmal bei einem Anbieter, ist man auf diesen festgelegt, da bei einem Wechsel des Lesegeräts sämtliche bisher erworbenen Dateien verloren gehen. Anhand von Beispielen wie diesem entwickelten die Frauen Ideen zum Schutz der „Bibliodiversität“ für eine nachhaltige Buchproduktion und einen transparenten bzw. im besten Fall faireren Markt. Unter anderem diskutierte man die Chancen eines Siegels für faire Herstellung, Fair-Trade-Plattformen zu Buch-Distribution und das zukünftige multimediale Angebot von Buchhandlungen. Nina George rief dazu auf, mit mehr Selbstbewusstsein für den Wert der eigenen Arbeit am Buch in diese Debatten einzugreifen: „Wir sind die Coolsten. Man braucht uns. Bitte merken.“

Einen riesigen Dank an die Berliner BücherFrauen und ihre Städtesprecherinnen Sandra van Lente und Doris Hermanns für eine großartige Jahrestagung.

Namentlich gekennzeichnete Artikel geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verbands wieder.

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