Ralf Turtschi Zeichen setzen Mikrotypografie Lektorenverband VFLL

„Ein Projekt für alle, die mit einer Tastatur Texte verfassen“

Wer korrekte und gut lesbare Texte schreiben will, kommt nicht um sie herum: Mikrotypografie und Zeichensetzung. Auch hier sind Fehler nicht nur unprofessionell, sondern können darüber hinaus für Missverständnisse sorgen. Der Schweizer Typograf und Mediendesigner Ralf Turtschi zeigt in seinem Projekt „Zeichen setzen!“ praxisnah, wie Satz-, Begriffs- und Hilfszeichen im Schriftsatz und in Office-Programmen richtig gesetzt werden. In Zusammenarbeit mit dem VFLL wurden das Buch und die App an die Regeln für Deutschland und Österreich angepasst. Ralf Turtschi wird auf der Leipziger Buchmesse und bei der VFLL-Regionalgruppe Berlin das crossmediale Projekt präsentieren. Im Interview erzählt er, was die Besucher erwarten können und warum das Thema so spannend und wichtig ist.

Wieso finden Sie das Thema Mikrotypografie so spannend?
Es geht um die differenzierte sprachliche Ausdrucksweise, die mich schon während meiner Lehrzeit als Schriftsetzer umtrieb. Mit all den Zeichen, die nebst Buchstaben und Ziffern auf der Tastatur vorhanden sind, gliedern wir unsere Sätze und können damit ein hohes sprachliches Niveau erreichen. Werden diese Zeichen nicht oder falsch verwendet, verkümmert die schriftliche Ausdrucksweise.

Zudem hat die Zeichensetzung immer auch mit Lesbarkeit zu tun. Eingeschobene Nullen bei Daten und Uhrzeiten zum Beispiel sind unleserlich. Man spricht auch nicht vom 01. Mai, 09.00 Uhr, sondern vom 1. Mai, 9 Uhr. Da die Zeichen nun mal da sind, sollte man sie auch korrekt einsetzen. In „Zeichen setzen!“ steht jetzt drin, was man bisher nicht einfach so schnell und praxisnah nachschlagen konnte.

Wenn man sich die Beispiele im Buch, in der App und auf Ihrer Facebook-Seite Dr. Pingelig so anschaut, könnte man den Eindruck gewinnen, dass sich die wenigsten Menschen mit Mikrotypografie auskennen. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Dr. Pingelig

Dr. Pingelig

Es ist so wie in der Fotografie. Die meisten Menschen haben keine Ahnung von der Fotografie und knipsen wie wild. Bei der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit gibt’s ebenfalls verschiedene Modi: Es bestehen Unterschiede zwischen SMS, E-Mail, Geschäftskorrespondenz, Werbung, Marketing, Signaletik, Journalismus oder der Schriftstellerei. Die Ansprüche hängen von der Reputation des Absenders ab. Eine fehlerhafte E-Mail ist weniger schlimm als ein Fehler im Geschäftsbericht. „Zeichen setzen!“ hat den Anspruch, auf einem Top-Level den Anwendern zu helfen, richtig zu schreiben. Es wird ja niemand gezwungen, richtig zu schreiben – aber diejenigen, die es möchten, aber nicht können, die haben nun die Möglichkeit dazu. Es ist schon ziemlich verblüffend, wie hemmungslos alle möglichen Leute in die Tastatur greifen. Selbst Texter aus Werbeagenturen oder viele Journalisten beherrschen das kleine Einmaleins der Zeichensetzung nicht.

Wieso ist eine korrekte Mikrotypografie wichtig?
Man sollte zwischen Zeichensetzung und Mikrotypografie unterscheiden. Unter dem ersten Thema beschreibe ich, wie Satz-, Begriffs- und Sonderzeichen eingesetzt werden. Hier geht’s um Interpunktionen, Bis-Strich, Apostroph, Fußnotenzeichen, Gradzeichen, Et-Zeichen usw.

Die Mikrotypografie hat die Aufgabe, die rasche Erkennbarkeit von Texten und die leichte Leserlichkeit zu fördern. Hier zeige ich auf, welche Zwischenräume eingesetzt werden. Also zum Beispiel, ob man bei abgekürzten Datumsangaben Leerzeichen einsetzt oder nicht. Schreibt man 1.12.2017 ohne Zwischenräume oder 1. 12. 2017 mit Zwischenräumen? Schreibt man 20,– EUR oder 20 € oder € 20,00? Welche Anführungszeichen sind richtig: »…« oder «…»? Wie gliedert man Telefonnummern? Haben Sie schon einmal Telefonnummern ohne jegliche Gliederung nach DIN 5008 versucht zu lesen? – einfach schlimm.

An wen richtet sich das crossmediale Projekt „Zeichen setzen!“?
„Zeichen setzen!“ geht alle etwas an, die mit einer Tastatur Texte verfassen. Dies sowohl im professionellen Schriftsatz als auch mit Office-Programmen. Das Buch leistet wertvolle Dienste in Schreibbüros, in Werbe- oder Webagenturen, bei Journalisten, bei IT-Fachleuten, in Beschriftungsateliers oder in der Ausbildung im Gymnasium, bei Professoren und Deutschlehrern. Zusätzlich muss der Wille da sein, korrektes Deutsch zu schreiben. Dies gelingt mit Duden (oder anderen Sprachwerken) und „Zeichen setzen!“ perfekt. Selbstverständlich wende ich mich gleichzeitig an alle Korrektorinnen und Lektoren, Übersetzer und Verleger. Ich hoffe, dass überall, wo Duden oder andere Sprachwerke gelegentlich benützt werden, auch „Zeichen setzen!“ seinen Platz bekommt.

Wie sind Sie auf den VFLL gekommen? Wie war die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen?
Der VFLL ist in der Person von Eva Bachmann auf mich zugekommen. Sie wurde durch die Gratis-App für iOs und Android „Zeichen setzen“ auf mich aufmerksam. Das Buch und die App erfreuen sich seit Dezember 2013 in der Schweiz großer Beliebtheit. Ich war erfreut über den professionellen VFLL-Support, so kann ich mein Ding auch in Deutschland und Österreich bekannt machen. Die VFLL-Mitglieder Dieter Schlichting und Marion Kümmel ergänzten Eva Bachmann.

Ich musste lernen, dass schweizerisches Deutsch und deutsches Deutsch unterschiedliche Sprachen sind – die Zusammenarbeit gestaltet sich aufwendig. Als Autor vertritt man ja einen Inhalt und pflegt eine bestimmte Ausdrucksweise. Lektoren pflegen eine andere Sichtweise – gerade in einem Sprachwerk sind Einheitlichkeit und Ordnung matchentscheidend. Wir pflegten unsere Pfründe und rangen im Sinn der Sache um Formulierungen, Beispiele und Abbildungen. Insgesamt war es eine spannende Geschichte für mich, weil der VFLL dafür sorgte, dass das Werk heute höchsten Ansprüchen genügt. Herzlichen Dank hier an das ganze Team und den VFLL.

Was können Smartphone-Nutzer von der kostenlosen App erwarten?

App_Zeichen setzen Ralf Turtschi

Die App „Zeichen setzen“ (Screenshot)

Die App „Zeichen setzen“ soll das mobile Nutzen der Sprache unterstützen, genauso wie die Buchversion, die fürs iPad zu einem reduzierten Preis angeboten wird. Die App ist eine abgespeckte Version des Buches, darin werden die Zeichen nur kurz mit wenigen Beispielen vorgestellt. In der App steckt ein Lernspiel, wo die Anwender ihre Kenntnisse in der Zeichensetzung spielerisch im Multiple-Choice-Verfahren verbessern können. Dann sind Dutzende Fotos aus der Praxis integriert, die Fehler in der Zeichensetzung aufweisen. Die Anwender können die Fehler erraten und sich die korrekte Schreibung anzeigen lassen. Man kann aber auch eine eigene Bibliothek an fotografierten Praxisbeispielen integrieren oder mit Dr. Pingelig auf Facebook interagieren. Die App geht eher spielerisch an das Thema heran und soll helfen, Sprache und Mikrotypografie hochzuhalten. Die App ist ein „Gruß aus der Küche“.

Worauf können sich die Besucher Ihrer Veranstaltungen auf der Leipziger Buchmesse freuen?
Anders als zum Beispiel in der Mathematik ist in der Sprache nicht alles eindeutig richtig oder falsch. Eher kann es so sein, dass es grundfalsch, weniger falsch, fast richtig, optimaler, empfehlenswert und überflüssig gibt. Ich werde in meinen beiden Vorträgen Beispiele aus der Praxis kommentieren, die lehrreich, aber auch amüsant sind, und dabei die Besucher auch aufs Glatteis führen. Dann gestatte ich mir als Herausgeber und Autor in Personalunion einen Blick auf ein crossmediales Buchprojekt, das bisher einmalig ist. Neben dem digital gedruckten Buch mit personalisierten Splitauflagen habe ich weitere Medienkanäle aufgebaut: die App, eine iPad-Version, die Website mit voll automatisiertem Webshop, die Facebookseite Dr. Pingelig, einen Lehrmittelbeitrag, viele Kolumnen in Magazinen und die Kunstfigur Dr. Pingelig. Wie kam es dazu? Was braucht es, um ein crossmediales Buchprojekt zu realisieren? Welches waren die Niederlagen und Erfolge? Meine Geschichte mit „Zeichen setzen!“ möchte ich gerne vorstellen.

Interview: Inga Beißwänger

Die Termine auf der Leipziger Buchmesse:

Samstag, 25. März, 10:30–11 Uhr, Fachforum 1, Halle 5, Stand F600 und

Samstag, 25. März, 13–14 Uhr, Fachforum 1, Halle 5, Stand F600

Präsentation: Ralf Turtschi: „Zeichen setzen!“ – Mikrotypografie aktuell und praxisnah

Buch, App und mehr – das crossmediale Projekt vermittelt Typo-Regeln von Apostroph bis Zollzeichen

Ebenfalls am 25. März 2017 hält Ralf Turtschi einen öffentlichen Vortrag über Typografie und Leserlichkeit und erzählt über das Projekt „Zeichen setzen!“. Das Buch kann dort erworben werden. Der kostenlose Vortrag beginnt um 19 Uhr und findet statt in der Lettrétage, Mehringdamm 61, 10961 Berlin-Kreuzberg.

Der VFLL präsentiert die Auftritte.

Ralf Turtschi Zeichen setzen Lektorenverband VFLLDie Ausgabe für Deutschland und Österreich (48 Euro zzgl. Versandkosten) kann online bestellt werden. Buchhandlungen und VFLL-Mitglieder erhalten einen Rabatt. Weitere Infos für Mitglieder demnächst im internen Bereich der VFLL-Website.

Ein Gedanke zu „„Ein Projekt für alle, die mit einer Tastatur Texte verfassen“

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