Seminar Lektorenverband Detailtypografie II

Detailtypografie im Lektoratsalltag: Widersprüche, Wünsche und Wandelbares

Im zweiten Teil des VFLL-Seminars „Detailtypografie“ ging es wieder ans Eingemachte. Wir beschäftigten uns mit Fragen wie: Sind die Kund/inn/en, die Kunden/-innen oder die Kund(inn)en richtig?

Das hatten wir nun davon, dass wir uns im Seminar „Detailtypografie“ im Oktober 2014 die rauchenden Köpfe heiß redeten: einen zweiten Teil. Wegen der zahlreichen Regeln bzw. Empfehlungen und kniffligen Beispielsätze gab es so viel zu diskutieren und nachzuschlagen, dass wir mit dem wunderbar vorbereiteten Stoff nicht an einem Seminartag durchgekommen sind. Netterweise wurde unser Wunsch nach einem zweiten Teil erhört – et voilà, da war er schon, der Kurs „Detailtypografie II“. Für diesen hatten sich die Regionalgruppen Rhein/Ruhr und Köln/Bonn zusammengetan und in wie immer fröhlicher Eintracht in Düsseldorf getroffen.

„Ich glaube, wir haben alle die gleichen Probleme“, so  Seminarleiterin Dr. Hildegard Mannheims zu Beginn.

Und was sind die Probleme, mit denen wir Lektorinnen und Lektoren uns Tag für Tag herumschlagen? Zumindest beim Thema Detailtypografie unter anderem mit Punkten, Listen, Zahlen, Kopplungen (Wortverbindungen durch Bindestriche) und dem Gendern.

Seminare, Fortbildung fürs Lektorat beim Lektorenverband

Nicht mal in den Pausen waren die Nachschlagewerke vor den Lektorinnen sicher. (Bild: Beißwänger)

Nach einer kurzen theoretischen Einführung ins jeweilige Thema folgte die Praxis – oder wir wurden gleich ins kalte Wasser geworfen, sozusagen ohne theoretischen Rettungsring. Etwa bei der Übung zum Thema Aufzählungen. Bei den Beispielen auf dem Arbeitsblatt mussten wir so schwierige Entscheidungen treffen wie: Doppelpunkt nach der Einleitung oder nicht? Punkte hinter den einzelnen Aufzählungen – ja oder nein? Oder Kommas? Groß- oder Kleinschreibung am Anfang einer Zeile?

Das Besondere an den Beispielen: Sie alle waren real existierenden Styleguides von Verlagen,  Behörden oder anderen Organisationen entnommen – und trotzdem beste Beispiele für die Vielzahl der Entscheidungen, die wir beim Lektorieren treffen müssen, siehe Fragen oben. Das zeigt:

  • Wenn unsere Auftraggeber wenig Ahnung von solchen detailtypografischen Grundsätzen haben, bekommen wir umso mehr Arbeit – was ja grundsätzlich gut für uns ist ;).
  • Diese zusätzliche Arbeit müssen wir angemessen kalkulieren und kommunizieren.
  • Es gibt im Unterschied zur Rechtschreibung weniger feste Regeln, eher Richtlinien oder Gepflogenheiten je nach Auftraggeber.

Auch das „Gendern“ bereitete uns einiges an Kopfzerbrechen – also die Details, wie männliche und weibliche Bezeichnungen eigentlich richtig zusammengefasst werden. Sind die Kund/inn/en, die Kunden/-innen oder die Kund(inn)en richtig? Die Lehrer(-innen), Lehrer/-innen und/oder die Lehrer(innen)?

Bereichernder Austausch unter Kolleginnen und Kollegen

Und so blätterten (bzw. bei der PDF-Version tippten) wir uns wieder die Finger wund auf der Suche nach der passenden Regel oder wenigstens Empfehlung. Denn auch der beste Lektor und die beste Lektorin können unmöglich alles im Kopf haben. Außerdem hat er/sie Vieles im Bauch – dann braucht es aber zur Bestätigung des Bauchgefühls den passenden Paragrafen aus dem Duden oder die Empfehlung der „Bibel“ der Detailtypografie von Forssmann / de Jong.

Apropos Bestätigung: Wir erhielten in diesem Seminar nicht nur die Bestätigung dafür, dass wir alle die gleichen Probleme haben. Sondern auch dafür, dass wir einen Großteil schon wissen und richtig machen. Nur im Detail – der Typografie und auch so – kann noch etwas nachgebessert werden.

Weitere Erkenntnisse, die wir hinzugewonnen  bzw. bestätigt bekommen haben:

  • Die Duden-Bände helfen in Sachen Detailtypografie nicht immer weiter. Schon allein, weil sie sich gerne mal selbst widersprechen. Aber auch, weil sie noch nicht durchgängig im digitalen Zeitalter angekommen sind, in dem man detailtypografisch viel mehr umsetzen kann als früher mit der Schreibmaschine.
  • Der Lektoratsalltag sieht oftmals anders aus. Denn der Kunde ist König und bekommt deshalb auch die Detailtypografie, die er möchte – ob Duden-konform oder nicht. Da bleiben dann schon mal Bindestriche weg an Stellen, die eigentlich gekoppelt werden müssten – auch wenn uns das Herz dabei blutet. Trotzdem müssen wir Sprachprofis natürlich wissen, wie es eigentlich richtig sein sollte.
  • Wir müssen zwischen Layout und Detailtypografie unterscheiden. Ums Layout kümmern sich andere – etwa die Designerin oder der Setzer. Das kann auch Details in der Schrift betreffen wie Abstände zwischen Zeilen oder Auslassungspunkte. Sollte uns hier etwas auffallen, können wir höchstens Korrekturhinweise geben, nehmen aber selbst keine Änderungen vor.

Und last but not least:

  • Der Austausch unter Kolleginnen und Kollege war wieder sehr bereichernd, sowohl beruflich als auch persönlich! (Ja, es war tatsächlich nur ein Kollege dabei – deshalb stimmt das Gendern so ;).)

Merke also: Auf den Seminaren des Lektorenverbands wird viel gelernt und diskutiert. Und als ob das nicht schon genug wäre, finden sich dazwischen immer noch hilfreiche Tipps für die alltägliche Arbeit im Lektorat. Zudem ist es immer nett, bekannte Kollegen und Kolleginnen (oder auch: Kolleg(inn)en) wiederzutreffen und neue kennenzulernen. Ich wage deshalb zu behaupten: Die Seminare des Lektorenverbands lohnen sich mindestens dreifach! Und das alles gibt’s auch noch zum einfachen Mitgliederpreis ;).

Bild oben: Kann man das essen? Zumindest bietet die Detailtypografie Lektorinnen und Lektoren ein Zusatzgeschäft, mit dem sie ihre Brötchen verdienen können (oder wahlweise Buchstabennudeln). (Bild: Harald Wanetschka /pixelio.de)

Homepage von Dr. Hildegard Mannheims: www.lektorat-und-text.de

Das aktuelle Seminarprogramm des Lektorenverbands ist hier zu finden: www.vfll.de/fortbildung

Einige Kurse stehen auch Nichtmitgliedern offen. VFLL-Mitglieder profitieren von Sonderkonditionen, ebenso Mitglieder unserer Kooperationsverbände BücherFrauen und VdÜ.

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