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Alles ändert sich?

Alles ändert sich!? So könnte das Resümee der Podiumsdiskussion zum Thema »Wie gestalten wir den Wandel in der Buch- und Medienbranche?« lauten, die am 14. 11. 2014 in München-Fürstenried stattfand. Die BücherFrauen hatten zum Auftakt ihrer Jahrestagung dazu eingeladen. Die Dozentin, Autorin literaturwissenschaftlicher Sachbücher und Publizistin Edda Ziegler moderierte die Runde.

Von Marion Voigt

Was wandelt sich eigentlich genau?, fragte sie eingangs, und Claudia Reitter (Vertriebsleitung Random House) zählte vier bestimmende Trends auf: Digitalisierung, verändertes Konsumentenverhalten, Wechsel stationär/online, neue Marktteilnehmer. Sabine Dörrich (Personalagentur. Menschen für Medien) nannte die Globalisierung als Treiber dieser Trends, die dazu beitrügen, dass das historisch gewachsene System buchhändlerischer Strukturen erodiert.

Auf die Frage, wie der Wandel die Arbeit verändert, wies Jürgen Harth (Online-Services und Business Development Hanser Verlag; AKEP) darauf hin, dass territoriale Grenzen, wie wir sie aus dem Lizenzsystem kennen, ins Wanken gerieten, teils auch die gewohnten Verwertungsketten, etwa mit TB und E-Book. Er sah die große Herausforderung in der Usability, in Benutzerstandards, hinter denen teure Technologie stehe und die deswegen nicht überall selbstverständlich seien (Beispiel: E-Book-Plattformen mit langen Ladezeiten und umständlicher Menüführung).

Martine Herpers (Quality and Gender Consulting) unterstützte seinen Appell, die technologische Entwicklung viel stärker in den Blick zu nehmen, weil die Chancen von Innovationen und ihrer Vermarktung uns heute zum Teil noch gar nicht bekannt seien.

Während Reitter auf die klassischen Aufgaben des herstellenden und vertreibenden Buchhandels als vermittelnde Instanzen setzte, deren Wegfallen Risiken berge (»Inhaltsleere«), führte Harth den Droemer Verlag als Beispiel dafür an, dass Verlage neue Wege zu ihren Kunden fänden – indem sie etwa eine Community böten und Inhalte kuratierten (Neobooks).
Und die Weiterbildung? Alle zeigten Anerkennung für die Qualfikationen, die Bewerberinnen und Bewerber heute oft schon mitbrächten. Dörrich konstatierte, ihr Umfang sei aber nicht das wichtigste Kriterium bei Personalentscheidungen. Freiberufler hätten es hier schwerer, weil Weiterbildungen oft teuer seien (Beispiel: Kosten für ein berufsbegleitendes Masterstudium im fünfstelligen Bereich). Sie plädierte für Webinare, mit denen man sich bei geringem Aufwand punktuell qualifizieren könne.

Diversity war den Gästen auf dem Podium ebenfalls ein Anliegen, denn in gemischten Teams lerne man auf vielen Ebenen voneinander. Dem Arbeiten in Projekten kämen nach Hardts Erfahrung aus Veranstaltungsformaten wie re:publica »Respekt« und spezielle Management-Skills zugute. Er beobachte, dass Weiterbildungseinheiten immer kürzer, smarter, direkter würden.

Reitter reklamierte für die berufliche Karriere eine Reihe von Voraussetzungen, allen voran das Erfolgreich-sein-Wollen: Verantwortung übernehmen, Mut haben, sichtbar werden, sich Gehör verschaffen, wettbewerbsfreudig sein, neugierig bleiben, sich nicht in der Komfortzone verschanzen – für sie entscheidende Faktoren neben der fachlichen Qualifikation.

Die Podiumsdiskussion in vollem Gange

Die Podiumsdiskussion in vollem Gange (Fotos: Frauke Ehlers)

»Agil, kreativ und flexibel«

Abschließend brachte Ziegler den diesjährigen Friedenspreisträger Jaron Lanier ins Spiel und seine Kritik an der Digitalisierung wurde als Ansporn gelobt, auch die Risiken der Technologie im Blick zu behalten.

Aus dem Publikum kam die Frage, ob analog zur massenhaften Freisetzung von Redakteuren bei Brigitte in Zukunft auch Verlage ohne festangestellte Mitarbeiter denkbar seien. Dörrich zitierte dazu aus der Pressemitteilung von Gruner und Jahr, wo von einem »agilen, kreativen und flexiblen Kompetenzteam« die Rede ist, das die Textredakteure ersetzen soll. Also das Bedürfnis von Arbeitgebern nach Flexibilisierung auf der einen Seite und die Nachfrage nach flexiblen Arbeitszeitmodellen bei Angestellten auf der anderen, wie passe das zusammen?
Reitter wies darauf hin, dass Selfpublisherplattformen bereits verlagsähnliche Strukturen ohne feste Mitarbeiter entwickelt hätten.

Eine letzte Frage aus dem Publikum griff ihren Hinweis auf die Autoren als wichtigste Ressource des Verlags auf. Da Freiberufler wie Autoren die gesamte Infrastruktur für ihre Arbeit bereitstellten, müsse aber auch die Honorarfrage anders bewertet werden. Reitter ging nur kurz darauf ein und zitierte dann aus Laniers Rede in der Paulskirche:
»Doch ein Buch greift viel tiefer. Es ist die Feststellung eines bestimmten Verhältnisses zwischen einem Individuum und der menschlichen Kontinuität. Jedes Buch hat einen Autor, eine Person, die ein Risiko auf sich genommen und eine Verpflichtung eingegangen ist, in dem sie sagt: ›Ich habe einen wesentlichen Teil meines kurzen Lebens damit verbracht, eine bestimmte Geschichte und einen bestimmten Standpunkt wiederzugeben, und ich bitte euch, dasselbe zu tun, indem ihr mein Buch lest: Darf ich so viel Engagement von euch verlangen?‹ Ein Buch ist ein Bahnhof, nicht die Gleise. Bücher sind ein Spiel mit hohem Einsatz, vielleicht nicht in Bezug auf Geld […], doch in Bezug auf Aufwand, Engagement, Aufmerksamkeit, der Bereitstellung unseres kurzen Menschenlebens und unseres Potenzials, positiven Einfluss auf die Zukunft zu nehmen.«

Bücherschreiben und Büchermachen als Risiko, die Digitalisierung als Herausforderung. Die Atmosphäre im vollbesetzten Saal war trotz solcher Befunde alles andere als beklemmend, so mein Eindruck. Im Gegenteil, es herrschte eine erwartungsvolle, fast optimistische Stimmung. Wir sind schließlich flexibel, wenn’s um unsere Zukunft geht.

Marion Voigt ist freie Lektorin, BücherFrau und VFLL-Mitglied.

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