„Gendern als Experimentierfeld in der Entwicklung“

Beim Gendern scheiden sich die Geister: Während die einen eine geschlechtergerechte Sprache als holprige Sprachmanipulation sehen, ist sie für andere schlichtweg eine Notwendigkeit, um Diskriminierung zu vermeiden. Selbst unter Fachleuten ist das Thema heiß umstritten, immer wieder prallen verhärtete Standpunkte in Diskussionen aufeinander.

Von Sabrina Kröll

Eben auch aus diesem Grund widmet der Frankfurter PresseClub der gendergerechten Berichterstattung einen Abend. Am 4. Februar 2020 sind Rebecca Beerheide, Beirätin der Website genderleicht.de und von 2015 bis 2019 Vorsitzende des Journalistinnenbunds, sowie Christoph Schröder, Dozent für Literaturkritik an der Goethe-Universität in Frankfurt und an der Universität zu Köln, freier Autor und Kritiker, als Gäste geladen. Moderiert wird die Veranstaltung von Ronja Merkel, der Chefredakteurin vom Journal Frankfurt und Vorsitzenden des Frankfurter PresseClubs.

Gleichstellung in der Gesellschaft und der Sprache

Inwieweit brauchen wir eine geschlechtergerechte Sprache, um Gleichheit in der Gesellschaft herzustellen? Noch immer klafft eine Lücke zwischen Mann und Frau in Bezug auf die Gehälter in der freien Wirtschaft und auch an anderen Stellen wird deutlich, dass es bis zur Gleichstellung beider Geschlechter noch ein weiter Weg ist. Einigkeit besteht unter den Gästen im Hinblick darauf, dass eine geschlechtergerechte Sprache ihre Berechtigung im öffentlichen Raum hat. Jedoch zweifelt Schröder, dass diese auch in darüber hinausreichenden Bereichen durchsetzbar sei und fest installiert werden könne. Die Gendergap zu artikulieren, also eine Sprechpause zwischen zum Beispiel Leser und -innen einzufügen, bezeichnet er im Gespräch als „absurd“, zeigt aber später, dass auch er es kann. Seines Erachtens ist die binäre Form („Leser und Leserinnen“) tauglicher für die Berichterstattung. Einen Lösungsansatz, wie hier weitere Geschlechter mit einbezogen werden können, bleibt er allerdings schuldig. Eine gelungene Moderation mit Gendergap sei durchaus möglich, wie Ann-Kathrin Büüsker im Deutschlandfunk täglich aufs Neue beweist, argumentiert die Gegenseite.

Gendern als Experimentierfeld in der Entwicklung

Konkret festgelegt ist bisher noch keine Form des geschlechtergerechten Schreibens. Am Clubabend wird auch die Zeichensetzung thematisiert, denn neben dem Asterisk, der von einigen Behörden bereits genutzt wird, sind immer noch die Gendergap und der Doppelpunkt im Rennen. Vorteile böten die beiden letztgenannten bei der Onlinepräsentation, denn das Gendersternchen ist zum einen nicht barrierefrei, zum anderen kann es die Ergebnisse von Suchmaschinen in ungewünschter Weise beeinflussen.

Während Beerheide dafür plädiert, auch das generische Femininum zu verwenden und Formen zu mischen, um der Vielfalt innerhalb der Sprache gerecht zu werden, verweist Schröder darauf, dass die Verlagshaltung unbedingt zu berücksichtigen sei. Auf das „man“ in der Sprache möchte der Dozent keinesfalls verzichten und es auch nicht durch ein „frau“ ergänzt wissen. Unterschiede zwischen den Gattungen müssen Berücksichtigung finden, darin sind sich die Gäste einig. Denn für ein Sachbuch oder einen Zeitungsbericht gölten zweifellos andere Anforderungen als für einen Roman, in dem die Figurensprache immer auch eine Charakterisierung beinhaltet. Im Raum steht die Frage, ob das Vorantreiben einer geschlechtergerechten Sprache das Forcieren einer Entwicklung bedeutet oder es sich beim Gendern um Entwicklungen handelt, die sich nicht aufhalten lassen.

Gegenargumente zur geschlechtergerechten Sprache

Im Gespräch wird auch erörtert, welche Schwierigkeiten sich in der Berichterstattung durch eine Sprache ergeben, die über das generische Maskulinum hinausgeht. Genannt wird zunächst die Leserschaft, die sich teils darüber empöre, wenn femininen Formen der Vorzug gegeben wird. Interessant ist zu hören, dass es in der Regel Männer seien, die Briefe oder E-Mails schreiben, in denen sie ihrem Unmut Luft machen und auf eine Überforderung der Leserschaft verweisen.

Schröder merkt an, dass es für Verwirrung sorgen könne, wenn eine Zeitung oder ein Magazin keine eindeutigen Vorgaben macht und infolgedessen auf einer Seite ein Artikel im generischen Maskulinum neben einem Bericht im generischen Femininum erscheint. Leserinnen und Leser, Diverse inbegriffen, könnten sich dann fragen, was das soll.

Aber: Ist das nicht genau das, was wir erreichen wollen? Denn eben dadurch würde ja das Bewusstsein für Geschlechtergerechtigkeit geschärft und Frauen neben Männern sichtbar gemacht. Gegen die Nutzung von Partizipialformen wird das Argument angeführt, diese seien zu ungenau, da etwa ein Student beziehungsweise eine Studentin nicht das Gleiche sei wie ein Studierender. Die Länge der weiblichen oder binären Formen hingegen motiviere zu pragmatischen Lösungen, denn gerade im Tagesjournalismus steht für einen Bericht nur begrenzter Platz zur Verfügung. Dies ließe sich jedoch durch Kreativität beim Schreiben lösen, oft kann etwas durch Verben oder geschlechtsneutrale Begriffe ebenso gut oder sogar besser ausgedrückt werden als durch personenbezogene Wörter.

Gendern ist mit dem richtigen Handwerkszeug leicht

Nicht abschließend geklärt wird die Frage, ob eine „Gendergap“ eher zwischen Mann und Frau oder Jung und Alt verläuft. An vielen öffentlichen Institutionen hat die geschlechtergerechte Sprache bereits Einzug gehalten. Raum für Weiterentwicklungen ist gegeben, schließlich ist unsere Sprache lebendig, so dass nicht der Perfektionismus, sondern die stete Verbesserung beim Gendern im Mittelpunkt steht.

Am Ende der Veranstaltung weist Beerheide darauf hin, dass ein neues Tool zum Gendercheck verfügbar ist, das dabei helfe, eigene Texte oder Projekte im Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit zu überprüfen – und das für Lektorinnen und Lektoren ein nützliches Werkzeug darstellt.

Großes Foto (Beitragsbild): © Foto: aitoff / pixabay


Sabrina Krölls Website und Profil im VFLL-Verzeichnis


Rückblick des Frankfurter PresseClubs auf die Veranstaltung Gendergerechte Berichterstattung
Zur Website des Frankfurter PresseClubs
Zur Website des Journalistinnenbunds


Weitere Angebote zum Thema Gendern:
Website Genderleicht (Angebot des journalistinnenbunds) mit Tool zum Gendercheck
Wertschätzender Sprachgebrauch und Möglichkeiten des Genderns (im Mitgliederbereich der VFLL-Website)


Weitere Blogbeiträge zum Thema Gendern:
Guten Freunden gibt man ein Küsschen, Freundinnen gehen leer aus? (2018)
Sprachwissenschaft versus Psychologie? „Denksport Deutsch“ und die Genderfrage (2018)
Als Menschin zu Gast bei der Verleihung des Jürgen-Moll-Preises für verständliche Wissenschaft (2017)

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.