„Der Name Textzicke passt ja auch irgendwie zum Lektorat“

VFLL-Kollegin Lilian Kura arbeitet seit 1999 selbstständig als Werbetexterin, Lektorin und Medizinredakteurin. Außerdem ist sie viel in der Natur unterwegs und hat ein schier lexikalisches Wissen über heilende und essbare Wildpflanzen angesammelt. Sie lebt im oberbayerischen Starnberg und hat zwei erwachsene Kinder. Aber auch in der digitalen Welt ist Lilian zu Hause: Auf Twitter folgen ihrem Pseudonym @Textzicke aktuell 7.422 Personen.

Deine Spezialgebiete sind Medizin, Naturheilkunde, allgemeine Gesundheit und Coaching. Was macht für dich den Reiz dieser Themen aus?

Mich faszinieren die Wunderwerke des menschlichen Körpers und der Psyche unendlich. Wäre meine Abiturnote besser gewesen, hätte ich Medizin studiert. So hat es nur für einen kurzen Ausflug ins Fach Biologie gereicht, bis ich endgültig merkte: Mensch Lilian, eigentlich wolltest du doch immer nur schreiben, seit du einen Stift halten kannst. Und so habe ich in verschiedenen Werbeagenturen eine solide Text- und Lektoratsausbildung „on the job“ angetreten. Nur wenige Jahre später wurde ich meine eigene Arbeitgeberin. Dass sich meine Lieblingsthemen in Text, Redaktion und Lektorat inzwischen als Spezialgebiete etabliert haben, macht mich sehr glücklich.

Du darfst dich inzwischen zertifizierte Heilpflanzenkundige nennen. Wie bist du zu dieser Leidenschaft gekommen? Nutzt du dein Wissen über Heilkräuter auch beruflich?

Meine Liebe zu Heilpflanzen wurde wachgeküsst, als meine Mutter, in deren Reformhaus ich mit 15 neben der Schule zu jobben begann, eine Fachprüfung über freiverkäufliche Arzneimittel ablegen musste. Ich fragte sie damals in den Pausen regelmäßig ab und lernte dabei mindestens genauso viel wie sie. Als notorischer Bücherwurm fräste ich mich ab dieser Zeit durch alles, was die Bibliothek zu dem Thema hergab. Sogar in der Latein(!)-Facharbeit fürs Abitur habe ich mir ein passendes Thema geschnitzt und untersucht, in welchen Bereichen der antiken Literatur, Medizin, Küche Schönheitspflege und Kräuter eine Rolle spielten. Ein paar Wildkräuterführungen und Phytotherapie-Seminare später war mir klar: Das will ich noch viel intensiver machen! Deshalb habe ich 2017 die Heilpflanzenschule besucht und das Zertifikat erworben. Gegen Honorar darf ich ohne Heilpraktikerschein nicht offiziell behandeln, aber im Freundes- und Familienkreis tue ich es mit großem Erfolg. Für Bekannte sowie auf den Workshop-Wochenenden des Netzwerks Texttreff gebe ich außerdem schon lange Wildkräuterführungen. Demnächst möchte ich das auch professionell anbieten, doch momentan fehlt mir dazu die Zeit.

Lilian Kura beim Wildkräutersammeln

Beruflich kommt es mir sehr zugute, dass ich viele medizinische und botanische Zusammenhänge nicht mehr zeitraubend recherchieren muss. Zu meinen regelmäßigen Lieblings-Textaufträgen gehört das monatliche Heilpflanzenporträt einer „grünen“ Apotheke. Im Lektorat ist es jedes Mal cool, wenn ich Kundentexte mit meinem Wissen anreichern kann. Und wer weiß – vielleicht schreibe ich ja doch irgendwann ein Buch über all das?

Welche Text- und Lektoratsaufträge sind dir die liebsten?

Neben allem, was meine Lieblingsgebiete berührt, habe ich wohl ein besonderes Händchen für Kundinnen und Kunden, die vor gruselschlechten Bestandstexten oder unstrukturierten Stichpunktsammlungen/Notizenbergen/Ideenexplosionen verzweifeln. Tatsächlich war gleich mein allererster Textauftrag im Selbstständigendasein eine Reihe von Anwohner-Informationsbroschüren für den Tunnelbau der Stadt München. Man übergab mir einen dreiviertel Regalmeter Schriftverkehr, Presseberichte, Protokolle von Stadtratssitzungen und vieles mehr und sagte: „Können Sie da was draus machen? Bitte auch gleich mit Vorwort-Ghosting für den OB und den Stadtbaumeister“. Ich war zu unerfahren, um nein zu sagen, begann zu sortieren und zu strukturieren, mich hineinzudenken und zu schreiben. Und was soll ich sagen: Die Broschüren stecken heute noch in meiner Mappe, weil sie richtig gut geworden sind.

Du nennst dich auf Twitter @Textzicke und hast auch dein Blog so benannt. Was hat es damit auf sich?

Porträtfoto von VFLL-Mitglied Lilian Kura

VFLL-Mitglied Lilian Kura, Foto: (c) privat

Das ist 2009 aus einer Laune heraus während eines Social-Media-Workshops irgendwie passiert. Wir haben uns alle Twitter-Accounts angelegt und brauchten dafür passende Namen. Ich bin ja dafür bekannt, dass ich nicht gerade ein Blatt vor den Mund nehme, was von empfindlichen Gemütern schon mal als zickig aufgefasst wird. Und zu meiner Lektoratsarbeit passt es ja auch. Ein Kunde, für den ich viele Jahre lang lektoriert habe und der gern mein Blog las, schickte mir mal einen Broschürentext mit den launigen Begleitworten „Könnten Sie uns den Text bitte bis morgen mal so richtig durchzicken?“. Ähm, ja. :-)

Du hast über 7.000 Follower auf Twitter. Wem kannst du diesen Kanal an Herz legen? Worüber schreibst du am liebsten?

Twitter passt zu Menschen, die schnell denken und schnell aus der Hüfte raus schreiben, Spaß verstehen und einen Kanal suchen, der unglaublich vielseitig ist. Ich empfinde es als Ideen- und Wortspielwiese, Netzwerkplattform, virtuelles Großraumbüro und fantastische Informationsquelle für quasi alles. Entsprechend sind meine Tweets eine bunte Mischung aus beruflich und privat, Netzwerkerei und Hilfeangebot. Für mich selbst habe ich die Entscheidung getroffen, mich dort völlig authentisch zu geben. Ich bin keine Kunstfigur und kein elitärer Großaccount, sondern einfach Textzicke Lilian mit all ihren Ecken und Kanten. Dadurch sind tolle Kooperationen und Freundschaften im echten Leben entstanden. Oft werde ich in Heilpflanzen- oder Sprachdingen konsultiert, teils bitte ich um Beratung z. B. bei Technikproblemen oder hole für Brainstormings meine bunte Followerschaft ins Boot.

Natürlich dauert es eine Weile, bis so eine Timeline „steht“, die die eigenen Bedürfnisse widerspiegelt. Schüchtern sollte man dazu nicht gerade sein; Interaktion ist alles. Aber sobald man einer passenden Auswahl von Accounts folgt und selbst einige Follower hat, kann Twitter eine tolle Bereicherung sein. Ich möchte es nicht mehr missen!


Zum monatlichen Heilpflanzenporträt


Interview: Katja Rosenbohm
Alle Fotos: © Lilian Kura / privat


Lilian Kuras Blog und Profil im VFLL-Verzeichnis


Weitere Blogbeiträge aus dieser Reihe:

„Ich freue mich ungemein an kuriosen Fragen“ (2021)
„Mein Kindheitstraum war, dass ich irgendwann den Nibelungenschatz heben würde …“ (2021)
„Typisch gibt es bei mir nicht“ (2021)
„Ich bin wirklich aus allen Wolken gefallen“ (2020)
„In Südafrika lebt es sich ganz ‚lekker‘“ (2020)
„Heute bin ich mit vielen Schreibenden und anderen Kulturschaffenden vernetzt“ (2020)
„Das Suchen nach dem letzten Krümel Potenzial“ (2020)
„Ohne Netzwerken kann ich mir meinen Beruf nicht vorstellen“ (2020)
„Umwege erhöhen die Ortskenntnis“ (2020)
„Ich wollte Familienmediatorin werden“ (2020)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.