Zweiter Tag der SfEP-SI-Konferenz

Der zweite Tag der gemeinsamen Konferenz von SfEP und SI ist geprägt von Vorlesungen und einem festlichen Gala-Dinner.

Von Walter Greulich

Besondere Erlebnisse am Sonntag

Der Sonntag ist der Höhepunkt der Konferenz, denn er bietet neben zahlreichen Sessions und Workshops (die alle parallel laufen) zwei Highlights: Am Vormittag die Witcombe-Vorlesung (benannt nach Norma Witcombe, die die SfEP 1988 ins Leben gerufen hat) und abends das Galadinner mit der Festrede des Ehrenpräsidenten David Crystal.

Die Witcombe-Vorlesung wird von John Thompson, einem Soziologen der University of Cambridge, gehalten, dessen Spezialgebiet die Beziehung zwischen Medien und Kultur ist. Er berichtet über die „Transformation of Anglo-American Trade Publishing“. Das hört sich auf den ersten Blick etwas trocken an, aber seine Analysen der Verlagswelt sind teilweise sowohl überraschend als auch bestechend. Am meisten in Erinnerung ist mir der Begriff „Big Books“ geblieben. Dabei handelt es sich um Bücher, von denen ein Verlag glaubt, er könne sie gut verkaufen und in deren Erscheinen und anschließendes Vermarkten er daher viel Geld steckt. Big Book ist aber keinesfalls mit „Bestseller“ gleichzusetzen, denn viele Big Books erweisen sich nach dem Erscheinen als Flop. Ein Grund für das Streben nach Big Books sei der immense Druck, den Literaturagenten im anglo-amerikanischen Bereich auf die Verlage ausüben.

Der Wandel im Buchhandel sei durch zwei große Stränge bestimmt.

  • Der erste umfasst drei Entwicklungen: das Aufkommen großer Einzelhandelsketten in den 1970er-Jahren, das Entstehen des Systems der Super-Literaturagenten (ab 1980) und die Konsolidierung der Verlagshäuser unter dem Dach von Großunternehmen (in den letzten 20 Jahren).
  • Der zweite, ebenfalls in den 1970er-Jahren beginnende Strang kann als digitale Revolution bezeichnet werden. Sie hat in unterschiedlichen Phasen auf verschiedene Bereiche des Verlagswesens großen Einfluss ausgeübt und sie hält noch an – Stichwort E-Books. Nach wie vor ist es übrigens so, dass E-Books v. a. im Bereich Fiction gedruckten Büchern große Konkurrenz machen, bei Sach- und Fachbüchern, bei denen es auf das Layout ankommt, dagegen kaum. Und der Unterschied zwischen der englischsprachigen Welt und der übrigen Welt ist immens: Während in den USA und England über 20 % des Gesamtumsatzes (im Bereich Fiction) großer Verlage aus E-Book-Verkäufen stammt, sind es z. B. in Kontinentaleuropa gerade einmal um die 5 %. Aber die Umsatzanteile stagnieren seit 2012.

Zu den Literaturagenten führt John Thompson aus, dass es sie bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts gibt, dass aber erst seit den 1980er-Jahren einige Agenten (die „Super-Agenten“) stahlhart auftreten und so viel wie nur irgend möglich für die von ihnen vertretenen Autoren herausholen. Zumindest die Verlage mit den großen Autoren haben dadurch im Vergleich zu früher eine deutlich geringere Rendite.

Nach der Vorlesung gehen die Teilnehmer in die parallel laufenden Arbeitssitzungen. Beeindruckend fand ich die Veranstaltung von Max MacMaster zum Thema „Indexing in the editorial process“. Man muss sich mal vorstellen: Fast 30 Personen, etwa zur Hälfte Indexer, zur anderen Hälfte freie, aber auch festangestellte Lektoren, füllen den Raum, der damit bis auf den letzten Platz besetzt ist. Zur Einstimmung bekommen wir alle einen „Bad index“ und müssen die Fehler finden. Und dann wird heftig über Abläufe diskutiert und darüber, ob ein eingebetteter Index besser ist als ein separat entstandener.

Zentraler Bereich des Derwent College

Zentraler Bereich des Derwent College                 Bild: Walter Greulich

Der Abend wird eingeleitet von einem großen Stehempfang im James College (das sich mehrere hundert Meter vom Derwent College entfernt befindet). Alle sind festlich gekleidet (ich soweit es mir möglich ist), auch Gäste sind dabei. So haben viele Kongressteilnehmer ihre Ehepartner mitgebracht, was für eine besonders lockere Stimmung sorgt und für Gespräche, die nicht unbedingt mit „Editing“ zu tun haben. So unterhalte ich mich z. B. angeregt mit einem Manager aus der Ölindustrie. Zum anschließenden Galadinner begibt sich die gesamte Schar der Anwesenden gemeinsam in die Galeria des Roger Kirk Centers nebenan. Der Raum ist festlich geschmückt: zahlreiche eingedeckte runde Tische, auf einer Seite eine kleine Bühne, am Kopfende eine große Bar. Tagsüber lagen Listen aus, in denen man sich eintragen konnte (und musste), an welchem Tisch man sitzen möchte. So weiß jeder gleich, wohin. Das Essen haben alle Teilnehmer bereits vor Wochen bei der Anmeldung zum Kongress ausgewählt. Man kann Platz nehmen und wird bedient.

Das Dinner besteht aus drei Gängen. Alle drei Gänge können meinem Eindruck nach mit einem Sterne-Restaurant mithalten. Nach der Vorspeise geht ein kleines Rumoren durch die Halle: ca. 30 Teilnehmer (auch zwei von meinem Tisch) gehen mit Blättern in der Hand nach vorne. Der SfEP/SI-Chor tritt auf! Sarah Peacock, ihres Zeichens nicht nur Lektorin, sondern auch Musikerin, gibt die Dirigentin, und der Chor singt ein Lied auf die Melodie von „Green Sleeves“ (einem englischen Volkslied). Der Text stammt, wenn ich es richtig vernommen habe, von John Firth. Es geht um Freud und Leid des Lektorendaseins. Sehr englisch und sehr berührend. Dem hervorragenden Hauptgang folgt eine kleine aber sehr feine Nachspeise: ein klassischer Rhubarb fool, Rhabarber mit frischem Rahm. Köstlich!

Der Festvortrag steht bevor. Es ist eine gewisse freudige Anspannung bei vielen Teilnehmern zu spüren. David Crystal, der Ehrenvorsitzende, wird angekündigt. Alle scheinen ihn zu kennen, ich muss eingestehen, noch nie etwas von ihm gehört zu haben. Sarah Peacock, die ihn ankündigt, erzählt von ihrer Frage an ihn, womit er sich gerade beschäftige. Seine Antwort: Shakespeare, Shakespeare und noch mal Shakespeare. Ich bin gespannt. Was dann kommt, hat es in sich. David Crystal ist Linguist und Autor zahlreicher Bücher, u. a. auch Herausgeber der Cambridge Encyclopedia of Language. Thema seines Vortrags ist „Punctuation“. Ich kann gar nicht wiedergeben, was er alles zur Zeichensetzung zu erzählen wusste, aber die Art und Weise, wie er das Thema rüberbrachte, war faszinierend. Viele amüsante Beispiele, viel historischer Hintergrund. Unglaublich lebendig. Ein Schwerpunkt seines Vortrags ist der Apostroph. Man könnte fast sagen: Freud und Leid des Apostrophs. Warum bereitet die Anwendung gerade dieses Satzzeichens so viele Probleme? (Und die Engländer scheinen gewaltige Probleme damit zu haben – wie wir auch, oder?) Antwort: Weil es das jüngste Satzzeichen ist! Wirklich verbreitet hat sich seine Anwendung erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Da hatten Punkt und Komma schon mehrere hundert Jahre auf dem Buckel.

Bericht des „Guardian“ über David Crystal und sein aktuelles Werk „Making a Point“

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Der vollständige Artikel als PDF:  http://www.vfll.de/fileadmin/pdf/Artikel/sfep_york_2015_blog_beitrag_kurz_IB.pdf

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