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Die Zukunft der Fakten – Christian Schwägerl im Interview

Können die etablierten Medien das Vertrauen der Öffentlichkeit durch sorgfältige Faktenprüfung zurückgewinnen? Das ist eine der Fragen, die am 11. Oktober auf der Konferenz „Die Zukunft der Fakten“ in Berlin beantwortet werden sollen. Internationale Experten diskutieren in der Hertie School of Governance über den Status quo und die Weiterentwicklung von Factchecking und journalistischer Qualitätssicherung im digitalen Zeitalter. Am 12. und 13. Oktober treffen sich dann Journalisten, Lektorinnen und Dokumentare zu Factchecking-Workshops. Veranstalter sind „RiffReporter – die Genossenschaft für freien Journalismus eG (i.G.)“, das Hertie-Innovationskolleg und der Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren e. V. (VFLL). Im Interview mit dem Lektorenblog gibt RiffReporter-Vorstandsmitglied Christian Schwägerl einen Ausblick auf die Konferenz.

Die amerikanische Journalistin Brooke Borel fragt in ihrem Konferenzvortrag, ob Factchecking verloren gegangenes Vertrauen in den Journalismus wiederherstellen kann. Was ist eigentlich der Grund für diesen Vertrauensverlust? Haben die professionellen Medien die Fakten in der Vergangenheit vernachlässigt?

Da muss man gut differenzieren, denn „Fake News“ wurde in Windeseile von der rechts-nationalistischen Bewegung, allen voran von US-Präsident Trump, zum Kampfbegriff gegen die Medien verwandelt. Zumindest in Deutschland ist es um das Vertrauen in etablierte Medienmarken gar nicht so schlecht bestellt, im Gegensatz zu den USA, wo die giftige Formel von den „Fake News“ gezielt eingesetzt wird, um die Glaubwürdigkeit auch seriöser Medien wie der New York Times zu unterminieren. In Deutschland kam die schon zur Nazizeit verwendete Rede von der „Lügenpresse“ ja auch vom rechten Rand. Beide Begriffe sind absurd und haben das Ziel, journalistische Methoden der Wahrheitssuche zu diskreditieren. Doppelsprech par excellence.

Die Rede von „Fake News“ und „Lügenpresse“ kommt zu einer Zeit auf, in der sich die Nutzung und die Produktionsbedingungen von Medien fundamental wandeln. Das spielt den Angreifern doch sicher in die Karten.

Sorgfältigkeit und Wahrheitstreue sind journalistische Grundprinzipien. Deshalb – und auch, um den Propagandisten keine Angriffsfläche zu liefern – müssen Medien sich noch mehr anstrengen, sachlich fundiert und korrekt zu berichten. Weil das Erlösmodell der Verlage bröckelt und echte Innovationen rar sind, sind viele Redaktionen in den vergangenen Jahren geschrumpft worden. Die verfügbaren Mittel für Recherchen vor Ort schwinden, auch bei angesehenen Marken werden Dokumentare oder Faktenprüfer entlassen. Meinungslastige Formen von Journalismus werden eindeutig häufiger. Was eigentlich die hohe Kunst des politischen Kommentars und des Feuilletons ist, hält in Billigversionen überall Einzug, befeuert durch soziale Medien. In dieser schlechten Version – ich schreibe vom Schreibtisch aus auf, was mir gerade einfällt, ohne Anschauung und tiefe Recherche – ist Meinung viel billiger als aufwendig recherchierte Geschichten. Die Ursache für das Schrumpfen der Redaktionen ist wiederum vielschichtig: Weil in sozialen Medien Informationen im Überfluss zur Verfügung stehen, wollen sich Menschen nicht mehr für viel Geld an eine Marke binden. Und die Online-Werbeerlöse landen größtenteils nicht bei den Verlagen, sondern im Silicon Valley. Es ist also eine komplexe Gemengelage.

Warum ist ein Factchecking überhaupt notwendig? Es sollte doch für Journalisten selbstverständlich sein, dass sie nur gesicherte Informationen veröffentlichen.

Natürlich, und bei seriösen Medien ist das ja auch der Fall. Der Anspruch ist immer da und Teil des journalistischen Ethos. Nur hat jeder, der in einer Recherche steckt, schon erlebt, dass man inmitten von Stapeln von Studien und Notizblöcken auch mal betriebsblind wird und einen Zusammenhang schief einordnet. Oder man ist beim Schreiben erschöpft und verschiebt eine Kommastelle oder einen Buchstaben. Eine zusätzliche Instanz, die an einen Artikel oder eine Sendung mit frischem, kritischem Blick herangeht und fragt: „Stimmt das denn wirklich, was da steht?“, kann das Produkt nur besser machen. Ich habe es jedenfalls noch nie erlebt, dass die Faktenprüfer, mit denen ich bei Medien wie GEO, SPIEGEL oder Yale E360 zusammenarbeite, nicht doch noch etwas gefunden hätten, was man präziser darstellen könnte. Und dieses Maß an Präzision sind wir unseren Lesern auch schuldig, damit wir als Journalisten uns hinreichend von Bloggern unterscheiden und eben auch von Tendenzveranstaltungen wie Werbung, PR oder Propaganda.

Das Factchecking war ursprünglich Aufgabe der Dokumentationsabteilungen in den Zeitungsverlagen. Heute leisten sich nur noch wenige Verlage eine solche Dokumentation. Wer sind die Factchecker von heute?

Der Trend geht auch hier zum Freelancing. Die Zahl der festangestellten Dokumentare ist stark zurückgegangen. Ich bin sicher, dass mancher Verlagsgeschäftsführer gedacht hat: Wozu brauchen wir Dokumentare, wir haben doch Google. Besagter Spardruck kommt hinzu. Jetzt sollte man eigentlich aufwachen. Früher haben alle den Leserbriefredakteur belächelt, heute heißt er „Community-Manager“ und es dämmert allen, dass er zu den wichtigsten Personen in der Redaktion gehört. Ich wünsche mir eine ähnliche Entwicklung für den Dokumentar, der Gedächtnis und Gewissen der Redaktion sein kann. Aber ich denke auch, dass hier eine große Chance für Freiberufler liegt, sowohl in der Arbeit für Verlage als auch in der Mitarbeit bei der wachsenden Zahl freier Projekte, wie RiffReporter sie organisiert. Solche Kooperationen zwischen Freien zu erkunden und zu etablieren, ist ja auch Ziel der Kooperation von VFLL und RiffReporter.

Haben sich die Anforderungen an eine professionelle Faktenprüfung durch die Digitalisierung verändert?

Natürlich. Als ich an der Deutschen Journalistenschule ausgebildet wurde, gab es das Internet noch nicht. Wir besuchten damals das Archiv der Süddeutschen Zeitung und staunten Bauklötze über die endlosen staubigen Stapel von Archivmappen und ihre beeindruckende Ordnung. Doch im Vergleich zu den Informationen, die heute zur Verfügung stehen, war das SZ-Archiv bescheiden. Im Positiven hat die Digitalisierung natürlich das Weltwissen für die Dokumentation verfügbar gemacht. Das ist ein unglaublicher Fortschritt. Andererseits gibt es halt auch die Illusionen des Googelns, dass zum Beispiel die „wichtigsten“ Ergebnisse auf Seite 1 der Liste auftauchen oder dass man sich zu der Annahme verführen lässt, es mit belastbaren Quellen zu tun zu haben. Der Dokumentar muss also noch viel genauer hinschauen, woher sich ein Journalist seine Informationen zusammengesucht hat. Am liebsten ist mir, die Informationen kommen aus erster Hand und stehen korrekt notiert in seinem oder ihrem Notizblock.

Auf der Konferenz werden Sie gemeinsam mit Tanja Krämer, die ebenfalls Vorstand der RiffReporter-Genossenschaft ist, erklären, was die RiffReporter zur Zukunft der Fakten beitragen wollen. Geben Sie uns einen Vorgeschmack?

Als Genossenschaft für freien Journalismus bieten wir freien Journalistinnen und Journalisten die Möglichkeit, allein oder in Teams mit deutlich geringerem Aufwand eigene Projekte zu gründen und zu vermarkten, als dies mit einer isolierten eigenen Website möglich wäre. Unsere multimediale Website schafft die Chance, in Nachbarschaft zu anderen Projekten der eigenen Expertise, den eigenen Interessen und den kreativen Potenzialen freien Lauf zu lassen und sich mit einer Auswahl von Erlösmöglichkeiten eine Unterstützercommunity aufzubauen. Ziel ist nicht nur, dass solche „Korallen“, wie wir sie als Teil unserer Riff-Metapher nennen, wirtschaftlich Einnahmen aus der Arbeit für Verlage und Sender ergänzen und höhere Erfolgsquoten haben als isolierte Projekte. Ziel ist es auch, dass die Journalisten mit Unterstützung ihrer Communities wieder mehr Zeit für Recherche, Reisen, den Besuch von Fachkonferenzen oder vertiefte Lektüre bekommen. Wenn das klappt, hilft es ganz grundsätzlich für fundiertes, faktengetreues Berichten. Hinzu kommt, dass wir durch unsere acht Schritte der Qualitätssicherung – von der Auswahl der Mitglieder über Vier-Augen-Prinzip und transparente Korrektur bis zur Kooperation mit dem VFLL und Sanktionsmöglichkeiten durch unseren Ethik-Ausschuss – ein Verfahren entwickeln wollen, wie freie Projekte sich kooperativ zu Qualität verpflichten. Wir planen auch, hier selbst Feldforschung zu betreiben, welche Methoden der Qualitätssicherung am besten für eine fundierte Berichterstattung sorgen.

Wagen Sie doch mal einen Ausblick: Braucht der Journalismus auch in Zukunft professionelle Factchecker? Oder ist es tatsächlich vorstellbar, dass die Experten der Qualitätssicherung von einer Lesercrowd oder Computern abgelöst werden?

Eine komplette Automatisierung der Faktenprüfung wäre gefährlich – stellen Sie sich mal vor, Google würde in Zukunft entscheiden, was als Faktum gilt und was nicht, und am Ende gar noch automatisch korrigieren und andere Darstellungen unterbinden. Ich denke, dass die Einbindung von Experten unter den Lesern und Verfahren automatisierten Factcheckings der Qualitätssicherung sehr wohl helfen können – etwa durch Datenbanken verifizierter Fakten, die sich fortlaufend aktualisieren. Wenn ein Projekt schlichtweg kein Geld hat, um professionelle Factchecker zu bezahlen, oder es extrem schnell gehen muss, können neben der eigenen Sorgfalt Leserexperten und neue digitale Verfahren durchaus ein Element der Qualitätssicherung sein. Aber insgesamt halte ich es für wahrscheinlicher, dass solche Ansätze künftig einfach mit zum Werkzeugkasten professioneller Dokumentare gehören werden, diese aber nicht ersetzen. Große Plattformen wie Facebook dachten früher, sie könnten alles den Nutzern und den Algorithmen überlassen, und jetzt stellt sich heraus, dass das ein Fehler war. Die Plattformen setzen bei ihrer eigenen Qualitätssicherung mehr und mehr auf die Arbeit von Menschen, die für ihre Kenntnisse bezahlt werden. Solche Investitionen sind dringend nötig, auf den Plattformen wie auch im Journalismus. RiffReporter will Bürgern die Möglichkeit geben, bei Themen und Autoren, für die sie sich besonders interessieren, dabei direkt mitzuhelfen.

Interview: Felix Wolf

RiffReporter ist eine Online-Plattform für fundierten, unabhängigen Journalismus  aus den Themenbereichen Wissenschaft, Kultur, Gesellschaft, Umwelt und Technologie. Auf der Website können Journalistinnen und Journalisten im Rahmen von eigenständigen Projekten ihre Beiträge veröffentlichen und vermarkten. Sie haben somit einen direkten Kanal zu ihren Lesern in einer kooperativen Umgebung. Darüber hinaus können sie sich über die Plattform mit Profis verwandter Berufe wie Illustratoren, Gestalterinnen, Übersetzern oder Lektorinnen vernetzen, um Mitstreiter für Recherche- und Veröffentlichungsprojekte zu finden. Die RiffReporter-Genossenschaft und der VFLL planen gemeinsame Aktivitäten zur Qualitätssicherung im Onlinejournalismus. Der Lektorenverband unterstützt die Genossenschaft darüber hinaus als beratender Partner in Sachen Lektorat und Factchecking.

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