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Wann ist ein Seminar ein Seminar?

Fachausdrücke werden in der Alltagssprache oft nicht richtig verwendet. Das gilt ganz besonders für den Begriff Seminar. Dieser wird für alles und jedes gebraucht – bis hin zum Angebot einer Rückenschule. Dabei gibt es große Unterschiede zwischen Seminar, Kurs, Workshop und anderen Bildungsveranstaltungen.

Von Joachim Fries

Sickern Fachausdrücke in die Alltagssprache ein, ereilt sie oft das gleiche Schicksal: Ihre Bedeutung franst aus. Diese Ausfransung kann in einer Unschärfe oder auch Ausweitung bestehen. Das gilt für Begriffe wie Coaching (mittlerweile ist jede Beratung schon ein Coaching), Nachhaltigkeit (wenn eigentlich Dauerhaftigkeit oder Langfristigkeit gemeint ist) oder Projekt (jede umfangreichere Aufgabe wird inzwischen als Projekt bezeichnet). Und das gilt auch für den Seminarbegriff: Allerorten wird Seminar als Synonym für Lehrgang, Workshop, Training – kurzum: für jedwede Veranstaltung in der Weiterbildung gebraucht. Ein besonders eklatantes Beispiel, das mir jüngst untergekommen ist: In der Broschüre einer Krankenkasse wurde das Angebot einer Rückenschule als Seminar tituliert.

Wie so oft in der Pädagogik und Andragogik herrscht eine gewisse terminologische Verwirrung, die etwa auch vor der Wikipedia nicht halt macht (siehe die Artikel Seminar, Workshop und Lehrgang bzw. die Redundanzdiskussion zu ersteren). Und die einschlägigen Lexika und Wörterbücher geben ebenso wenig her. Lediglich im Handwörterbuch der Aus- und Weiterbildung von Harald Maier finden sich die Lemmata Lehrgang, Training und Seminar – als Synonyme.

Warum das problematisch ist? Ganz einfach, weil es sich hier um unterschiedliche Dinge handelt. Man stelle sich vor, man bestellt bei einer Lektorin ein Lektorat und bekommt ein Korrektorat geliefert – wäre man dann nicht zu Recht unzufrieden? Ähnlich verhält es sich mit Seminaren, Gesprächskreisen, Lehrgängen, Lernprojekten, Lernstätten, Planspielen, Vortragsreihen, Workshops: Das sind unterscheidbare didaktische Designs, die (zumindest teilweise) unterschiedliche Ziele anstreben, unterschiedliche Lehr-Lern-Arrangements erfordern und sich unterschiedlicher Methoden bedienen. Statt didaktischer Designs (in der Erwachsenenbildung) bzw. methodischer Großformen (in der Schule, z. B. Lehrgang, Freiarbeit, Projektunterricht) spreche ich übrigens lieber von Veranstaltungsformaten, weil das für Teilnehmer verständlicher ist und der Begriff des didaktischen Designs in der Weiterbildung nicht nur bei Methoden, sondern auch bei Medien verwendet wird und insofern doppeldeutig ist. Als neutralen Oberbegriff für Seminare, Lehrgänge oder Workshops verwende ich Bildungsveranstaltung. Bei Institutionen wie der Volkshochschule oder Arbeitsagentur ist auch der Kursbegriff üblich.

Wie können aber nun die verschiedenen Formate (im außeruniversitären Bereich) sinnvoll definiert und differenziert werden? Dazu ein Beispiel: Der bei freien Lektorinnen und Lektoren beliebte Lerninhalt Akquise lässt sich in ganz unterschiedlicher Weise angehen: Die Lernenden

  • erfahren etwas über Formen der Akquise und klären deren jeweilige Vor- und Nachteile (Lehrgang),
  • simulieren eine Kundenakquise von der Konzeption bis zur Aktion (Planspiel),
  • reflektieren und modifizieren ihre Glaubenssätze zur Akquise (Seminar),
  • üben Techniken für Akquisetelefonate ein (Training) oder
  • erarbeiten einen Leitfaden für Akquisegespräche (Workshop).

Ein anderes Beispiel: Lektorat ist ein weites Feld und unterschiedliche Bildungsthemen verlangen nach unterschiedlichen Bildungsformaten:

  • Wissenschaftsliteratur formal lektorieren (Lehrgang)
  • Lektoratsarbeit in einem Verlag: Wie entsteht ein Buch? (Planspiel)
  • Sich auf den Autor und seinen Text einlassen (Seminar)
  • Praktische Registererstellung bei Sach- und Fachbüchern (Training)
  • Übersetzungslektorat: Deutsch statt Denglisch (Workshop)

Die Veranstaltungsformate haben also unterschiedliche Schwerpunkte:

  • Lehrgang (Synonym: Kurs): Der Schwerpunkt liegt auf (systematischen, fachlichen) Kenntnissen; Beispiele: Grammatik, InDesign, Korrekturzeichen, Rechtschreibung, Word
  • Planspiel: Der Schwerpunkt liegt auf (komplexen, situations- und systembezogenen) Fähigkeiten; Beispiele: Existenzgründung, Producing, Projektmanagement, Publikationsprojekt, Zahlungsausfall
  • Seminar: Der Schwerpunkt liegt auf (komplexen, personalen) Fähigkeiten; Beispiele: Autorencoaching, Freiberuflichkeit, kreatives Schreiben, Selbstmanagement, Persönlichkeitsbildung
  • Training: Der Schwerpunkt liegt auf (praktischen, methodischen) Fertigkeiten; Beispiele: Gesprächsführung, Maschinenschreiben, Preisverhandlung, Rückengymnastik, Telefonakquise
  • Workshop: Der Schwerpunkt liegt auf (handfesten) Ergebnissen; Beispiele: Stärken-Schwächen-Analyse, Marketingkonzeption, Programmplanung, Textarbeit, Zukunftswerkstatt

Diese Unterscheidung orientiert sich an der Begrifflichkeit des Erwachsenenbildungswissenschaftlers Horst Siebert. Dieser verortet die unterschiedlichen didaktischen Designs in einem Koordinatensystem, das die zwei Dimensionen Curriculum (Pole: geschlossenes vs. offenes Curriculum) und Lernen (Pole: Qualifikations- vs. Identitätslernen) aufweist. Dabei steht Qualifikationslernen für die berufsorientierte Vermittlung von Qualifikationen und Identitätslernen für die Aneignung von subjektorientierten Kompetenzen. Die Stellung von Designs im Koordinatensystem:

  • Lehrgang: geschlossenes Curriculum, Qualifikationslernen
  • Seminar: geschlossenes Curriculum, Identitätslernen
  • Lernstatt: offenes Curriculum, Qualifikationslernen
  • Selbsterfahrungsgruppe: offenes Curriculum, Identitätslernen

Oft ist in der Praxis eine strikte Trennung zwischen Qualitäts- und Identitätslernen weder möglich noch sinnvoll. Und natürlich gibt es Überschneidungen und Mischformen bei den Formaten. Lehrgänge können seminaristische Elemente enthalten und umgekehrt, Projekte und Workshops mögen verschmelzen. Doch ist stets zu fragen, was der curriculare Schwerpunkt ist und was das für die didaktisch-methodische Gestaltung bedeutet. Dabei ist kein Format hochwertiger als ein anderes, sondern immanenten Qualitätskriterien unterworfen. Ein guter Lehrgang ist allemal besser als ein schlechtes Seminar!

Machen Lernende keinen Unterschied zwischen den Veranstaltungsformaten, ist das sicherlich verzeihlich. Anders sieht es im Falle von Lehrenden aus. Sie sollten schon wissen, was sie tun. Klare Begriffe müssen auch von einem Bildungsanbieter erwartet werden. Wird pauschal jegliche Bildungsveranstaltung als Seminar deklariert, so macht sich der Bildungsanbieter entweder aus Unwissenheit oder Gleichgültigkeit keinen Kopf oder er nutzt bewusst die Ahnungslosigkeit potenzieller Kunden aus: Seminar klingt einfach schicker – und teurer als Kurs. Beide Haltungen sind gleichermaßen wenig vertrauenerweckend. Ein professioneller und seriöser Bildungsanbieter scheut sich jedenfalls nicht, auf die Verpackung zu schreiben, was in der Verpackung drin ist.

Website von Joachim Fries: www.lernwert.de

Joachim Fries im Lektorenverzeichnis

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