Podiumsdiskussion Lektorentage: Qualität im (Self-)Publishing mit u. a. Wolfgang Tischer/literaturcafe.de, Regina Mengel/Qindie.de, Markus Hartmann/epubli.de

(Self-)Publishing – von Ansprüchen, Fingerspitzengefühl und Finanziellem

Im Zeitalter der Digitalisierung ist vieles im Umbruch. Das gilt insbesondere für die Publishing-Branche: Buchverlage und Agenturen brauchen Texte und Produkte, die an die veränderten Gewohnheiten ihrer Kunden angepasst sind. Auch Autorinnen*, Texter und nicht zuletzt Lektorinnen sind hier gefragt. Doch gerade unter Selfpublishern gibt es sehr unterschiedliche Ansprüche und Auffassungen darüber, wie viel Qualität nötig ist. Darüber diskutierten Podium und Publikum bei den 14. Lektorentagen.   

„Mir ist jetzt erst klar geworden, was für ein hartes Geschäft das ist, das Sie machen. Hut ab.“ Mit einem besseren Schlusswort hätte die Podiumsdiskussion auf den 14. Lektorentagen kaum enden können. Das Lob kam von Holger Klein, der als Pressesprecher des Verkehrsverbunds Rhein-Sieg (VRS) ein Unternehmen der Publishing-Branche repräsentierte.

Die Podiumsdiskussion stand unter dem Motto „Qualität im (Self-)Publishing“. Das Schlagwort Selfpublishing (SP) ist seit einigen Jahren in aller Munde – vor allem in der Buchbranche. Dabei ist das „Phänomen“, dass Publikationen ohne Verlag herauskommen, nicht neu. Und es betrifft nicht nur die Buchbranche. Vielmehr ist es schon lange Usus, dass zum Beispiel Unternehmen – egal welcher Art – Broschüren, Flyer und Geschäftsberichte selbst publizieren.

Holger Klein erläuterte, dass die Gestaltung der Broschüren und Berichte des VRS in den vergangenen Jahren weiter professionalisiert wurde. Dazu gehöre neben einem modernen Layout auch die Sprache. „Schon allein, weil wir als Verkehrsbetrieb uns auch in einem politischen Spannungsfeld bewegen, möchten wir keine Angriffsfläche bieten. Fehler können und wollen wir uns nicht leisten“, so Klein. „Unsere Kunden würden sich in Grund und Boden schämen, wenn die Texte, die wir für sie erstellen, schlecht geschrieben oder fehlerhaft wären“, ergänzte Detlev Stamm von der Agentur Zink und Kraemer AG. Aus diesen Gründen braucht es professionelle Texterinnen und Lektoren. Dabei komme es nicht nur auf die formale Richtigkeit an, auch die (An-)Sprache ist im Wandel: „Die Unternehmen merken, dass sie mit reinen Produktbeschreibungen und Facherklärungen keine  Käufer mehr finden“, so Stamm. Vielmehr gehe es heute darum, dem Kunden Lösungen für seine Probleme anzubieten. Zudem werde Suchmaschinenoptimierung immer wichtiger: „Wir bewegen große Textmengen, zwei Drittel sind Internettexte“, so Stamm. Wer im Internet auffindbar sein will, kommt um SEO (Search Engine Optimization) nicht herum. Und so könne es eine zusätzliche Aufgabe für Lektorinnen sein, einen Text auch daraufhin zu überprüfen, ob er die Suchbegriffe enthält.

Aufmerksamkeitsspanne sinkt

Das Podium war sich darin einig, dass mit den neuen Medien die Aufmerksamkeitsspanne der Leser sinkt. Als Konsequenz daraus müssen Texte kürzer und leichter zu konsumieren sein. Dies gilt auch für E-Books. „Eher werden kürzere Sachbücher, Romane und auch Serienromane herausgebracht, und das in kurzen Veröffentlichungszyklen von etwa drei Monaten“, wie Regina Mengel erläuterte. Die Autorin und Mitbegründerin des Autorennetzwerks Qindie.de schreibt und publiziert auch Serienromane.

Auf die Frage der Moderatorin Sabine Olschner, wie Lektoren und Autoren sich finden, erzählte Regina Mengel von der Zusammenarbeit mit ihrem Lektor: „Er ist auch Autor, und die Zusammenarbeit läuft so gut, dass ich gerne von ‚Flocktorat‘ spreche. Dabei ist es auch wichtig, dass er mir ehrlich seine Meinung sagt, etwa: ‚Da hast du dich jetzt aber verpilchert‘. Sonst würde ich nichts lernen.“ Wolfgang Tischer weiß von Autoren, die dem Lektor die Schuld geben, wenn ein Buch nicht gut ankommt. Der Lektor müsse ein feines Gespür entwickeln. „Viele Autoren bekommen zum ersten Mal professionelle Rückmeldung und Kritik. Manche können damit nicht umgehen und nehmen Kritik persönlich.“ Dabei sei es nicht gut, wenn der Lektor den Autor nur bauchpinselt.

Immer ein großes Thema: Geld. Gerade beim „Kostenlos-Medium“ Internet  ist die Zahlungsmoral der „User“ niedrig. Gleichzeitig sind übers Internet viel direkter viel mehr potenzielle Kundinnen zu erreichen. Eine mögliche Lösung ist auch hier: Produkte mit weniger (digitalen) Seiten verkaufen. Oder Mischformen aus kostenlosen und Bezahl-Inhalten anbieten. Doch insgesamt kommt bei der breiten Masse der Autorinnen, die Romane als E-Books veröffentlichen, nicht viel Geld dabei heraus. „Die E-Book-Preise sind nach wie vor auf einem erschreckend niedrigem Niveau“, fand Markus Hartmann von der Selfpublishing-Plattform epubli.de. „Ich habe das Gefühl, dass die Preise wieder nach oben gehen“, widersprach Mengel. Denn: „Die Selfpublisher, die in ihre Bücher investieren, versuchen, dafür auch etwas herauszubekommen.“ Ansprüche gebe es auf beiden Seiten, also auch bei den Lesern. „Ich kann selbst nicht nähen, erwarte aber trotzdem, dass meine gekauften Kleider zusammenhalten“, zog Mengel einen anschaulichen Vergleich.

Machen, nicht reden

Zu diesen Investitionen, die Selfpublisherinnen tätigen – oder auch nicht – gehört natürlich auch das Lektorat. „Hier gibt es zwei unterschiedliche Gruppen von Autoren: Diejenigen, die meinen, sie seien gut genug, und diejenigen mit einem professionellen Anspruch. Diese sind auch bereit, Geld auszugeben, zumindest punktuell, etwa für Covergestaltung, Lektorat, Beschreibungstexte und Marketing“, wie Markus Hartmann beobachtet. „Es gibt es heute solch eine Masse von SP-Autoren, dass ein Einzelner nur mit Qualität hervorstechen kann“, so Tischer. Er sprach von zwei elementaren Regeln für Selfpublisher: 1. Machen, nicht reden. 2. Es gut machen.

Dass es trotzdem Leserinnen gibt, denen noch 3,99 für ein E-Book zu viel sind, die niedrige Ansprüche haben und Qualität nicht goutieren oder gar nicht erst erkennen – geschenkt. Insgesamt waren sich alle Podiumsgäste und auch das Publikum, das sich mit Fragen und Anmerkungen sehr rege an der lebhaften Diskussion beteiligte, darin einig: Texte – egal ob in Büchern oder anderen Medien – brauchen Qualität und müssen an die Zielgruppe angepasst sein, damit sie überhaupt eine Chance haben, wahrgenommen zu werden. Und ein wichtiger Teil dieser Qualitätssicherung ist natürlich das Lektorat.

„Welche Eigenschaften braucht ein guter Lektor?“, fragte Sabine Olschner die Runde zum Abschluss. Einige Antworten: „Berechenbarkeit in allen möglichen Aspekten, etwa Zusammenarbeit und Preis“, „Fingerspritzengefühl und die Bereitschaft, Erklärungshilfe zu geben“, „Fachwissen, Verfügbarkeit und ein Gespür dafür, wie viel Lektorat gebraucht wird.“ Holger Klein war beeindruckt.

Auf dem Podium und mit dem Publikum diskutierten (v. l.): Holger Klein, Detlev Stamm, Sabine Olschner, Regina Mengel, Wolfgang Tischer und Markus Hartmann. (Bild: Nadja Prinz)

  • In diesem Text werden nach Möglichkeit abwechselnd weibliche und männliche Formen verwendet. Im Regelfall sind alle Geschlechter gemeint.

2 Gedanken zu „(Self-)Publishing – von Ansprüchen, Fingerspitzengefühl und Finanziellem

  1. Ulli Kammigan

    Ein kurzes Statement zum Problem eines Autoren mit dem Lektorat

    Ich bin ein unbekannter und nicht prominenter Autor und finde deshalb, unabhängig davon, ob ich Müll oder tolle Texte schreibe, keinen Verlag. Aber ich bin im Internet unterwegs und treffe dort auf viele Autoren, die meinen, sie hießen Hemingway oder Böll statt Hans und Franz (siehe meine Glosse »Forum Germanicum Auctores – Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Autoren auf Internetseiten«). Mit anderen Worten: Lektoren werden für so überflüssig gehalten wie ein Kropf.
    Ich habe einmal ein Probelektorat zu meinem Text erhalten und festgestellt, dass ich erstens davon viel lernen kann und auch gelernt habe und zweitens, dass ich die Herausgabe eines Buches ohne Lektorat eigentlich vergessen kann. Nun kommt aber das Problem: Ein ordentliches Lektorat kostet, und nicht wenig. Für mein Buch mit 130 bis 180 Normseiten käme ich auf 600 bis 900 Euro. Bin ich bereit das auszugeben, um dann später festzustellen, dass sich keine Sau – Pardon! – kein Verlag für meine geistigen Ergüsse interessiert? Hinzu kommt, dass E-Books in Deutschland 2015 gerade einmal 5 % der Buchverkäufe ausmachten. Da zeugt es von einem großartigen Zahlenverständnis, wenn Autoren, die in der unteren Liga spielen, ausschließlich auf das E-Book setzen. Und self-publishing über Amazon? Äußerst ungern, denn ich sehe Amazon in der Nähe einer kriminellen Vereinigung. Hinzu kommt, dass ich die verrückte Vorstellung habe, es zu begrüßen, wenn mein Buch in jeder Buchhandlung zumindest auf Bestellung zu haben ist.
    Also, was mache ich?

    Antworten
    1. Inga Beißwänger Beitragsautor

      Vielen Dank für das Statement!

      Darin sind viele Fragen und Herausforderungen angesprochen, vor denen jeder Autor steht, etwa: Wie komme ich an einen Verlag? Wie viel muss ich investieren? Und lohnen sich diese Investitionen – etwa für ein Lektorat? Wie kann ich dafür sorgen, dass mein Buch gekauft und vielleicht sogar wirklich erfolgreich wird?

      Leider ist Erfolg nicht programmierbar. Diese bittere Erfahrung machen nicht nur Autoren, sondern alle Wirtschaftsunternehmen. So ist selbst die teuerste Marketing-Kampagne kein Garant dafür, dass sich ein Produkt gut verkauft.

      Jedoch gilt sicherlich genauso: Wer nicht professionell arbeitet und ein mangelhaftes Produkt anbietet, wird noch unwahrscheinlicher Erfolg haben.

      Vielleicht hilft ein Tipp von Wolfgang Tischer von literaturcafe.de weiter. Er meinte, dass das Schreiben – bei aller Professionalität – in Sachen Finanzen wie ein Hobby angesehen werden sollte. Auch für ein Hobby gibt man ja schon mal Geld aus – und das ohne die Erwartung, dass das Geld wieder reinkommt.

      Letztendlich muss wohl jeder Autor für sich entscheiden, welchen Weg er geht. Wir empfehlen auf jeden Fall, sich über all diese Wege zu informieren – etwa über weitere Möglichkeiten, die in dem Statement nicht angesprochen sind, wie Literaturagenturen oder Dienstleister abseits von amazon.

      Wir wünschen auf jeden Fall viel Glück und Erfolg!

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.