Themenabend Lektorenverband VFLL Lektorat und Technik München Ursula Welsch

Nicht um jeden Preis

Medien­neutrales Datenmanagement, Redaktionssys­teme für multimediales Publi­zieren, digitale Arbeitsverdichtung – die Arbeitsprozesse im Lektorat haben sich stark verändert. Was aber bedeutet das für uns freie Lektorinnen und Lektoren konkret? Wir müssen uns permanent fortbilden, um unsere technischen Kenntnisse zu erweitern. Bei auftraggeberspezifischen Anwendungen liegt es an uns, uns schnell und umfassend einzuarbeiten, und wir übernehmen zunehmend zusätzliche herstellerische, nicht lektoratsrelevante Aufgaben. Diese und weitere Themen diskutierten die über 20 Teilnehmer des The­men­abends „Lektorat und Technik“, der am 9.11.2017 in München stattfand und von Ursula Welsch moderiert wurde.

Von Margit Unger-Kunz

Die Nutzung von Textverarbeitungssoftware im Lektorat ist längst Stan­dard, aber viele Kolleginnen und Kollegen lektorieren Texte inzwischen auch online in einem Redaktionssystem wie K4 oder censhare, arbeiten mit einem Layoutprogramm wie InDe­sign oder QuarkXPress, in Webanwendungen wie dem cloud­basierten Dienst Share­Point oder in XML-basierten Contentmanage­ment­systemen.

Die zunehmende Verschränkung von Lektorat und Produktion, das Ineinandergreifen bzw. die Integration unterschiedlicher Arbeitsprozesse und der andauernde Prozess hin zur Arbeit in Online-Systemen verlangen von uns freien Lektorinnen und Lekto­ren, dass wir uns und unsere technische Ausstattung den kontinuierlich fort­schreiten­den technischen Entwicklungen und den gestiegenen Anforderungen, die von Auftraggeberseite (Verlage, Unternehmen, Agenturen, Selfpublisher usw.) an uns herangetragen werden, anpassen.

Doch bildet sich diese zunehmende technische Professionalisierung auch im Honorar von freien Lektorinnen und Lektoren ab? In der Diskussionsrunde war man sich einig: Nein, das tut es bisher nicht. Was also kann der einzelne Freelancer, was kann der Lektorenverband tun, um einer schleichenden digitalen Arbeitsverdichtung im Lekto­rat bei gleichzeitiger Stagnation des Hono­rar­niveaus zu begegnen? Welche Position sollten wir als freie Lektorinnen und Lektoren und als Verband zu diesem Thema ein­neh­men? Wie können wir die neuen technischen Entwicklungen in den Produktions­pro­zessen kritisch begleiten und mitgestalten?

Die Regionalgruppe Bayern hatte für den Themenabend „Lektorat und Technik“ XML-Expertin und Verlegerin Ursula Welsch eingeladen. Dieses Thema brennt vielen Kolleginnen und Kollegen auf den Nägeln, dementsprechend groß war die Runde, die im Münchner DGB-Haus in München diskutierte.

Ursula Welsch eröffnete den Abend mit gleich mehreren provokanten Thesen, die den anschließenden lebendigen Austausch mit Berichten aus der Praxis noch weiter befeuerten:

  • Bei freien Lektorinnen und Lektoren wird immer mehr technische Kompetenz vorausgesetzt, um sich in die bei den Auftraggebern installierten Workflow­prozesse integrieren zu können. Was passiert, wenn die fachliche Qualifikation für ein angefragtes Lektorat vorhanden ist, die geforderte technische Ausstat­tung und das notwendige technische Know-how aber fehlen und dies evtl. sogar zum Verlust von Aufträgen führt?
  • Sollten Lektorinnen und Lektoren das Risiko oder den Weiterbildungsaufwand für neue Technologien alleine tragen müssen? Die z. T. von Auftraggebern an­gebotenen Einführungsseminare in verlagsspezifische Systeme reichen hier oft nicht aus, insbesondere dann nicht, wenn man als Freelancer nicht laufend mit nur einem bestimmten System arbeitet, sondern parallel für verschiedene Auftraggeber unterschiedliche Aufträge in unterschiedlichen Systemen erledigt.
  • Moderne Verlagsanwendungen, wie z. B. Redaktionssysteme, zielen häufig in erster Linie auf die technische Aufbereitung von Manuskripten und deren Weiterverarbeitung, die Arbeit am Text „im System“ wird dadurch aber oft viel umständlicher und aufwendiger. Können diese Tools so verbessert werden, dass sie für Lektorinnen und Lektoren ein gutes Arbeitswerkzeug und nicht eine eher technische Hürde darstellen?
  • Sollte eine Lektorin bzw. ein Lektor, wie häufig von Auftraggeberseite ge­wünscht, neben inhaltlichem Lektorat und Projektmanagement noch Aufgaben, die bisher Sache der Herstellung waren, einfach so miterledigen?
  • Stichwort „digitale Arbeitsverdichtung“: Einfachere Tätigkeiten werden automatisiert und die komplexeren digitalen Aufgaben auf immer weniger Mitarbeiter übertragen, die diese in immer kürzeren Zeiträumen erledigen – sprich: qualitative und quantitative Anforderungen ans Freie Lektorat nehmen zu –, aber steigt dadurch auch das Honorar?
  • Wie steht es mit den Nutzungsrechten bei der Mehrfachverwertung von Lektoratsleistun­gen?
  • Wie steht es mit dem Datenschutz? Sind bei der Arbeit in offenen Redak­tionssyste­men die eigenen Daten immer ausreichend geschützt?
  • Stichwort „Transparenz“: Arbeitszeit, Arbeitstempo, Arbeitsstand – welche Konsequenzen ziehen die „gläsernen Arbeitsabläufe“, die sich in solchen offenen Redaktionssyste­men zwangsläufig ergeben, für das freiberufliche Arbeiten nach sich – im Gegensatz zu den fest angestellten Kolleginnen und Kollegen?

Was also bedeutet es für uns freie Lektorinnen und Lektoren, dass wir uns stets das neue technische Fachwissen aneignen und die immer aktuelle Hard- und Software anschaffen müssen? Dass von uns erwartet wird, dass wir uns immer wieder in unterschiedliche Redaktionssysteme und Anwendungen verschiedener Kunden einarbeiten und immer mehr Herstellungs- und Layoutaufgaben übernehmen? Hinzu kommen die Beschleunigung und Verdichtung sowie die Transparenz der Online-Arbeitsprozesse.

Fakt ist, dass im Moment eine Subventionierung stattfindet, nämlich: Lektorinnen und Lektoren subventionieren ihre Auftraggeber, indem sie immer mehr Aufgaben von Herstellern und Layoutern übernehmen, aber immer noch für ein Lektoratshonorar arbei­ten, so das Meinungsbild der Teilnehmer und Teilnehme­rinnen.

Und so kämpferisch wie der Abend begonnen hatte – „Lasst uns ein Positionspapier entwickeln!“ –, so endete er auch: „Ja, als freie Lektorinnen und Lektoren wollen wir mit den spannenden technischen Entwicklungen Schritt halten, aber … nicht um jeden Preis!“

Flipchart: Nicht um jeden Preis!

  • Stunden abrechnen
  • Technik-Pauschale
  • technische Unterstützung/Helpdesk
  • kostenlose Programmschulung
  • kostenlose Programme zur Verfügung stellen
  • klarer Auftrag (auch Qualität)
  • vorher Positionen verhandeln
  • Datenschutz („mitprotokollieren“)

Margit Unger-Kunz’ Website und Profil im Lektorenverzeichnis

Großes Bild: Ursula Welsch: Nicht um jeden Preis! (Bild: Margit Unger-Kunz)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.