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Die Sprache zwischen Klapprechner, Fräulein und Rock ’n’ Roll

„Sprachwandeln wir auf neuen Wegen?“ lautete das Motto der 15. Lektorentage in Hannover. Bei der Podiumsdiskussion am Samstagvormittag versuchten die Experten auf dem Podium und im Publikum in einer lebhaften Diskussion, diese Frage von unterschiedlichen Seiten zu beleuchten.

Die Frage, ob die deutsche Sprache verflache, immer oberflächlicher werde, immer mehr Fehler zum Standard würden, stellt sich nicht erst seit gestern. Eines ist klar: Das einzig Beständige ist der Wandel – das gilt nicht zuletzt auch für die Sprache. Doch trotzdem – oder gerade deshalb – stellt sich für Sprachexperten die Frage: Wie drückt sich dieser Wandel aus? Wie sollen wir mit ihm umgehen? Wollen wir Altes bewahren, Neues zulassen oder gar Neues kreieren?

Diese Fragen stellte Moderatorin Sabine Olschner zu Beginn der Diskussion den Gästen auf dem Podium.

„Bei einer Tageszeitung ist die Verständlichkeit am wichtigsten“, so Journalistin Susanne Iden. „Kreativität ist nicht gefragt, besonders, wenn diese zum Ausschluss von Gruppen führt.“ Das sei der Fall, wenn bestimmte Gruppen den Zeitungstext nicht mehr verstehen.

Schulbuchredakteur Stefan Bicker: „Das Schulbuch hat natürlich eine besondere Funktion. Und es muss festgelegten Bildungsstandards folgen. Wichtige Lernziele sind ein angemessener sprachlicher Ausdruck und die Literaturvermittlung.“ Deshalb müsse und wolle er sich in die Rolle dessen einordnen, der Altes bewahren will.

„Ich bin für Erneuerung, aber kein Chaot“, meinte Dr. Reiner Pogarell. Als Betriebslinguist, Ausbilder und Mitglied im Verein Deutsche Sprache kennt er mehrere Seiten der (Sprach-)Medaille. „Sprache muss lebendig sein, sonst verkümmert sie. Selbstverständlich bin ich der Meinung, dass Jugendlichen eine gute Standardsprache und große Texte der Sprachgeschichte vermittelt werden sollten, etwa von Walther von der Vogelweide oder Goethes Faust. Gleichzeitig wundere ich mich darüber, was in Schulbüchern für betriebliche Ausbildung auftaucht. Etwa langatmige Geschäftsbriefe als Musterbeispiele oder Dialoge, die mit der heutigen Lebensrealität von jungen Menschen nichts zu tun haben.“ Da würde es ihn nicht wundern, wenn das ‚Fräulein‘ wieder in diesen Schulbüchern auftauchte.

Diskussion Sprachverfall Lektorenverband VFLL

v. l.: Susanne Iden, Sabine Olschner, Annika Blanke, Dr. Reiner Pogarell

Annika Blanke hat ebenso mit der Vermittlung von Sprache zu tun – sie ist Deutsch- und Englischlehrerin, Workshopleiterin für Poetry Slams und steht auch selbst als Slam-Poetin auf der Bühne. „Kreatives Schreiben ist in der Schule schwierig zu bewerten und zu vermitteln. In Workshops dagegen fragen mich die Teilnehmer: Darf ich das überhaupt schreiben? Sie nehmen Sprache, wie sie sonst gelehrt wird, also als limitierend war. Außerhalb enger Regeln kann ein Chaos zu literarischen Sternen werden.“

Im Journalismus seien die Veränderungen der Sprache in den vergangenen 30 Jahren marginal. Dennoch stellt Susanne Iden fest, dass „die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten“ geringer geworden sei. „Zum Beispiel wissen nicht mehr alle Kollegen, dass es das Wort ‚hintangestellt‘ gibt, weshalb sie es korrigieren.“

„In der Grammatik können Änderungen festgestellt werden. Es wird immer mehr gewunken“, so Klaus Mackowiak. Der Grammatiker und Schriftsteller beobachtet diesen Wandel und sucht nach Gründen, warum sich welche neuen Ausdrücke und Wörter durchsetzen. „Sprache ist nun mal beweglich und folgt Trends. Die Frage ist doch: Warum gibt es diese Veränderung?“ Oder anders gefragt: Wer nutzt die Sprache – und wofür? „Was gilt als sexy und was als mächtig? Sprache hat auch viel mit Macht zu tun.“ Und wer die Macht habe – etwa in Politik, Wirtschaft und Medien – präge die Sprache. Es sei entscheidend, was sich durchsetze, nicht wann. „Ich jedenfalls bleibe bei ‚Rock ’n’ Roll‘ – ich will nicht ‚Wiegen und Rollen‘ sagen.“

„Ich werde immer hellhörig, wenn es heißt ‚die Medien‘“, warf Journalistin Susanne Iden ein. „Die Veränderung kommt mehr von unten. Wir leben nun mal in einer vom Englischen geprägten Kultur, durch Musik, Internet und Videos.“

Damit war die Diskussion beim Thema „Denglisch“ angelangt. Sabine Olschner fragte das Publikum, wie Lektorinnen und Lektoren mit englischen Begriffen umgehen.

Eine Lektorin für Computer- und Technikbücher erzählte, dass sich viele Begriffe und auch Sprachwendungen eingebürgert hätten, von denen manche in der Standardsprache nicht möglich seien. Doch auch in diesem Bereich gebe es Grenzen: „‚Gedownloadet‘ geht bei mir nicht durch.“

„Es kommt immer darauf an, was der Leser versteht und was der Kunde erwartet“, berichtete eine weitere Kollegin aus ihrer Praxis. Sie könne beratend eingreifen. Doch letztendlich müsse sie die Wünsche der Kunden berücksichtigen und ihre persönliche Meinung zurückstellen.

Diskussion über Sprachwandel beim Lektorenverband VFLL

Das Publikum brachte sich in die Diskussion ein.

„Ist das Denglisch, oder steht das schon im Duden?“, warf eine weitere Lektorin ein.

„Ich muss immer eine Begründung haben, warum ich etwas ändere“, so eine andere Kollegin. Der Wandel zeige sich natürlich auch im Duden. „Ich warte ja schon lange darauf, dass das beliebte, aber falsche kaufmännische Und (&) in den Duden aufgenommen wird.“

„Für mich ist der Sprachwandel fantastisch“, meinte ein Kollege. Denn mehrere Wörter könnten genau dort eingesetzt werden, wo sie passen – etwa Gefühl und Feeling. Dafür brauche es aber auch Sprachkompetenz, die erhalten bleiben müsse.

„Denglisch ist das Ende der Kreativität“, widersprach Pogarell. „Allein in der Kernsprache, also ohne Fachsprache, gibt es mittlerweile 7.500 englische und denglische Wörter.“ Viele Wörter, die ihren Weg ins Deutsche gefunden haben, hätten keine neue Bedeutung – im Gegenteil würden mehrere deutsche Wörter durch ein englisches verdrängt. Beispiel Meeting: Dafür gebe es viele weitere Wörter und Bedeutungen, etwa Zusammenkunft oder Gedankenaustausch. „Es ist das Ende der sprachlichen Weiterentwicklung und der Kulturentwicklung, wenn alles Neue einfach so übernommen wird. Die Sprache verkümmert.“ Außerdem würden sich Schüler zu Recht fragen, wieso sie richtig Deutsch lernen sollten, wenn darin so viele englische Begriffe auftauchten. „Beispiel: ein Fahrradkatalog, in dem es nur noch Bikes und E-Bikes gibt.“

„Ich sehe keinen Bedarf, neue Wörter einzuführen, etwa ‚Klapprechner‘“, entgegnete der vom Sprachwandel begeisterte Kollege. Es komme auch auf Verständlichkeit an. „Das Wort ‚Flatrate‘ wird von denen verstanden, die eine solche nutzen.“ Ältere Menschen würden wahrscheinlich nicht so gern zum Info-Point der Bahn gehen, wenn sich dies vermeiden ließe.

„Man muss zwischen Schriftsprache und der gesprochenen Sprache unterscheiden. Nur weil ich ‚Event‘ sage, heißt das ja nicht, dass ich das auch schreibe“, warf eine Kollegin ein.

Annika Blanke erinnerte an eine weitere Dimension der Sprache: „Über Sprache werden bestimmte Dinge und Kulturen transportiert. Im Finnischen etwa gibt es ein Wort für ‚sich allein zu Hause in Unterhose betrinken‘“.*

Wo ist der Sprachwandel noch auszumachen? Am ehesten in der Schule und Ausbildung.

„Es geht ein Riss durch die Jugend. Ich mache mir Sorgen wegen der geringen Sprachkompetenz der Jugendlichen, die ich ausbilde. Ein Teil der Jugend wird abgekoppelt, das sind sprachprekäre Verhältnisse. Bei manchen reicht der Wortschatz nicht mal aus, um zu erklären, wie man mit dem Bus von A nach B kommt“, zeichnete Pogarell ein düsteres Bild.

„Es gibt eine Abstufung des Denkvermögens, ein Verfall der Sprachfähigkeit“, bestätigte eine Kollegin aus dem Publikum. „Vielleicht ist dies ja erwünscht: nur noch konsumieren, nicht mehr denken.“

„Es bräuchte Kriterien, mit denen sich ein Verfall feststellen ließe. Diese haben wir nicht“, widersprach Grammatiker Mackowiak. Durch Tests könne man allenfalls bestimmte Tendenzen feststellen. „Doch die Frage, ob dies gewollt ist, finde ich berechtigt. In der Schule lernen wir nur Kompetenzen für bestimmte wenige Bereiche. Die Sprache sollen die Kinder zu Hause lernen.“

dsc_0154„Kinder brauchen sprachliche Vorbilder“, ergänzte Blanke. Sie beobachte, dass Eltern ihren Kindern heute weniger vorlesen und ihnen stattdessen ein Tablet in die Hand geben. Und heute müsse man die Welt nicht mehr erleben, man könne sie ergoogeln. „Trotzdem kann man nicht alle über einen Kamm scheren, das ist Schülern gegenüber unfair. Auch Schüler merken, dass sie sich sprachlich eng machen. Sie sollten in ihrem Bestreben, sich auszudrücken, ernst genommen werden.“ Manche Schüler würden zu schnell aufgeben, wenn sie nicht verstanden werden. Sie sollten ermutigt werden, sich nicht damit abzufinden. „Lernen ist ein Prozess von vielen Seiten“, so die Deutschlehrerin weiter.

Dass es einen Sprachwandel gibt, darüber waren sich alle einig. Wenn es also „schlechte Sprache“ oder zumindest diskussionswürdige Tendenzen gibt, gibt es auf der anderen Seite auch die optimale Sprache?

„Es gibt Unterschiede in der Sprachverwendung. Eine ideale Sprache kann ich mir nur schwer vorstellen, weil ich nicht weiß, woran ich das messen soll“, antwortete Stefan Bicker, Redakteur im Schulbuchverlag auf die Frage von Moderatorin Sabine Olschner. „Wenn die Funktion des Redners oder Schreibers erfüllt ist, ist das die optimale Sprache“, so Klaus Mackowiak. „Ich sehe die optimale Sprache vom Leser aus: Wenn er ohne zu stolpern und gern eine 3/4-Seite Text liest, weil der Inhalt spannend und gut erzählt ist“, meinte Susanne Iden. Die Slam-Poetin und Lehrerin Annika Blanke hatte einen etwas anderen Ansatz: „Sprache bringt Menschen zusammen. Solange es Interesse an der Frage gibt, wie es weitergeht, sind Hopfen und Malz nicht verloren.“ „Es gibt Qualitätsunterschiede und gute, große Sprache. Goethe, Gomringer und Ratzinger etwa. Sie sind verständlich und zeigen eine große Tiefe, Exaltiertheit und Größe“, nannte Reiner Pogarell Beispiele. „Diese Diskussion hat mich optimistisch gestimmt. Man muss um Sprache ringen“, so Pogarell weiter.

Zum Schluss bedankte sich Moderatorin Sabine Olschner augenzwinkernd für die „Kick-off-Veranstaltung dieses Events“ und wünschte viel „Input bei den Workshops“.

* Kalsarikännit. Bild dazu sowie weitere finnische Wörter: http://finland.fi/emoji/kalsarikannit

Großes Bild: Auf dem Podium (v. l.): Stefan Bicker, Klaus Mackowiak, Susanne Iden, Sabine Olschner, Annika Blanke und Dr. Reiner Pogarell (Foto: Ingrid Hilgers)

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Weitere Impressionen von den 15. Lektorentagen mit Mitgliederversammlung (Bilder: Inga Beißwänger, Ingrid Hilgers, Sebastian Lemke)

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