Beim Anblick dieser Speisekarte wird‘s einem Lektor heiß und kalt

Detailtypografie – das ungeliebte Stiefkind. Oder: Worum sich Lektoren alles kümmern

Eines schönen Samstagmorgens trafen sich wissbegierige VFLL-Kolleginnen zweier Regionalgruppen in Düsseldorf, um mehr über Detailtypografie zu erfahren. Ein Thema, das Wälzer füllt, bei dem aber gleichzeitig große Unsicherheit herrscht – bei allen an der Medienproduktion Beteiligten. Umso besser, dass zwei Kolleginnen uns an ihrem Wissen und ihrer Erfahrung teilhaben ließen.   

„Wir Freien Lektorinnen können uns stundenlang über ein gefettetes Komma unterhalten.“ So das Fazit von Dr. Hildegard Mannheims, die zusammen mit Martina Dammrat den Workshop „Detailtypografie“ geleitet hatte.

Und wahrlich rauchten unsere Köpfe, wurden Bücher gewälzt und Beispiele diskutiert allein über die Frage, ob ein Satzzeichen nach einem gefetteten Wort ebenfalls gefettet sein muss.

Freie Lektorinnen und Lektoren halten sich eben gern an solchen Details auf ;). Aber Scherz beiseite: In unserem Alltag geht es immer öfter nicht mehr nur um die richtige Rechtschreibung, Grammatik und Formulierung, passende Form, inhaltliche Richtigkeit und Stil, was ja schon eine ganze Menge ist! Nein, es landen auch durchaus Texte auf unserem Schreibtisch oder in unserem Computer, die „typografisch auffällig“ sind, um es mal nett zu formulieren.

Zu diesen Auffälligkeiten zählen: unregelmäßige Zeilenabstände, zahlreiche oder nicht stringent hervorgehobene fette, kursive oder unterstrichene Passagen, Trennstrich statt Gedankenstrich, falsche Anführungszeichen, ganze Absätze in schlecht lesbaren Großbuchstaben etc. pp.

Die Bibeln des Lektors und der Leitspruch der Detailtypografie. Bild: Beißwänger

Die Bibeln des Lektors und der Leitspruch der Detailtypografie. Bild: Beißwänger

Was macht ein guter Lektor, eine gute Lektorin damit? Ganz besonders, wenn der Kunde diesbezüglich entweder gar keine Wünsche äußert oder – im Gegenteil – auf einer von allen Standards abweichenden und kontraproduktiven Form beharrt?

Diese Frage haben wir Teilnehmerinnen (ja, wir waren tatsächlich nur Frauen) des Workshops der Regionalgruppen Köln/Bonn und Rhein/Ruhr rege und auf zwei Ebenen diskutiert.

Zum einen ging es darum, wie weit wir es mit der Detailtypografie treiben können/dürfen/sollen. Komma fett oder nicht? Ihr erinnert Euch. Oder auch: Wie viele Trennungen untereinander sind noch „erlaubt“, d. h. schön und lesbar? Leider gibt es, wie wir feststellen mussten, oftmals keine festen Regeln, sondern höchstens Empfehlungen, aufgestellt beispielsweise von der Dudenredaktion oder von Forssman und de Jong in ihrem Wälzer Detailtypografie.

Deshalb hilft es in solchen speziellen Fällen nur, eigene Regeln zu entwickeln und mit dem Kunden abzusprechen. Wie dies aussehen kann, demonstrierte Martina Dammrat an einem Schulbuch.

Zum anderen betrifft die Frage unser unternehmerisches Auftreten im Allgemeinen und die Honorarkalkulation im Besonderen. Denn auch typografische Korrekturen nehmen ordentlich Zeit in Anspruch – was ein Text als Arbeitsbeispiel eindrucksvoll bewies – und müssen entsprechend honoriert werden. Das beginnt schon bei der Angebotserstellung. Dazu ein Tipp von Mannheims: „Nehmt in den Punkt ‚Leistungen‘ gegebenenfalls die ‚Anwendung typografischer Regeln und Richtlinien‘ mit auf.“

Im theoretischen Teil des ansonsten sehr praxisorientiert – und diskussionsfreudig – gehaltenen Workshops erläuterte Martina Dammrat, warum Typografie überhaupt wichtig ist. Ganz einfach: Die Typografie fördert – bestenfalls – die Verständlichkeit eines Textes, da sie dem Auge die richtigen Anhaltspunkte fürs Erfassen und dem Gehirn die passenden Impulse zum Verstehen und Verarbeiten gibt.

Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren Fehler im Detail

Der Veranstaltungsort war tadellos – nur die Fehler im Detail (inkl. Detailtypografie) fallen den „Lektorinen“ natürlich wieder auf. Bild: Beißwänger

Außerdem erfuhren wir, warum die Detailtypografie oftmals Schwierigkeiten bereitet und freie Lektoren immer mehr beschäftigt: Im Zuge der Digitalisierung ist der Beruf des Schriftsetzers weggefallen. In der umfassenden, mehrjährigen Ausbildung wurde der Schriftsetzer zum Typografie-Profi. Viele heutige Designer oder Gestalter erhalten keine vergleichbar umfangreiche Ausbildung in Sachen Schriftsatz und Detailtypografie. Deshalb ist sie aktuell ein oftmals vernachlässigtes „Stiefkind“, das zwischen den einzelnen Bereichen in der Medienproduktion hin- und hergeschoben wird – ohne dass sich jemand so richtig darum kümmert.

Umso wichtiger ist es, dass wir Freien Lektorinnen und Lektoren uns des armen Kindes annehmen. Denn Detailtypografie gehört zu unserer Aufgabe – die Qualitätssicherung in der Medienproduktion – einfach dazu. Diese Leistung, kompetent vertreten, kommt zudem gut beim Kunden an – und auch bei uns, in Form eines angemessenen Honorars.

Dieses Thema ist schier unerschöpflich, und unsere Kolleginnen sind gar nicht mit ihrem vorbereiteten Stoff durchgekommen (das haben wir nun vom fast unendlichen Diskutieren über Kommas …). Der Workshop war sehr lehrreich und wieder eine gute Gelegenheit zum Austausch über unseren Lektorinnenalltag. Außerdem machte er großen Spaß, und so hoffen wir sehr auf eine Fortsetzung!

Bild oben:

Beim Anblick dieser Getränkekarte wird‘s einem Lektor heiß und kalt – nicht nur, aber auch wegen der Detailtypografie. Bild: Mannheims

Weitere Links:

Das umfassende Fortbildungsprogramm des VFLL (größtenteils auch für Bücherfrauen, VdÜ-Mitglieder und Externe)

Blog-Artikel zum Thema „Kollegiales Coaching“ von Dr. Hildegard Mannheims

Homepage Dr. Hildegard Mannheims

 

6 Gedanken zu „Detailtypografie – das ungeliebte Stiefkind. Oder: Worum sich Lektoren alles kümmern

    1. Thomas

      „Und noch ein Test“
      Also eingeben kann man die Zeichen wohl. Dass CMS „neutrale“ Zeichen nicht richtig umsetzen, ist ja (leider) ziemlich normal.

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  1. Ute Gräber-Seißinger

    Danke, liebe Inga, für diesen tollen Beitrag. Ich habe mich in allen Punkten wiedergefunden – „aha, das kennst Du doch auch …“ ;-))

    Tja, und leider lässt sich im Kommentarfeld kein Gedankenstrich erzeugen, und auch das öffnende Anführungszeichen fällt dem unvollständigen Zeichenbestand des CMS zum Opfer …

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    1. Hogen

      Die An- und Abführungszeichen lassen sich nicht per Code erzeugen? Ich probiere es mal: „Anführungszeichen/Abführungszeichen“.
      Wenn doch, dann sollte das auch für den Apostroph gelten: Tut’s das?
      Es hofft: Hildegard Hogen

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