Diskussion Lektorenverband VFLL auf der future!publish

Das Lektorat: (k)ein Ort für digitale Innovationen?

In einer Podiumsdiskussion auf der Konferenz future!publish, bei der auch VFLL-Mitglieder beteiligt waren, ging es um den Beitrag des Lektorats zur Entwicklung und Umsetzung digitaler Verlagsprodukte. Podium und Publikum erörterten Fragen wie: Warum ist es wichtig, dass das Lektorat schon in die Entwicklung von Medien einbezogen wird? In welcher Abteilung sollte welches Know-how angesiedelt sein? Und wie können freie Lektorinnen und Lektoren am besten in den Workflow einbezogen werden?  Felix Wolf und Sabine Landes moderierten die Diskussion.

Von Sylvia Jakuscheit

Das vielfältige Programm auf der future!publish untergliederte sich in Impulsreferate, Podiumsdiskussionen und Workshops. Die Podiumsdiskussion mit dem Titel „Das Lektorat: (k)ein Ort für digitale Innovationen?“ rankte sich um die Frage, wie Lektoren in die Entwicklung und Umsetzung digitaler Produkte eingebunden werden und welche Kompetenzen dafür erforderlich sind. Das Publikum bestand offenbar vorwiegend aus Verlagsmitarbeitern und einem Teil Freiberuflern. So waren beispielsweise Teilnehmer aus den Bereichen Verlags- und Programmleitung, Herstellung, Dienstleister, Lektoren und Redakteure – ob aus der Leitungs- oder der Mitarbeiterebene – zu erkennen.

Die Moderation übernahmen Sabine Landes (Beraterin für digitales Publizieren) und Felix Wolf (VFLL-Vorstand, Mitglied im „Netzwerk Digitalisierung und Selfpublishing“). Im Podium saßen Susanne Franz (Verbandsmitglied, Mitbegründerin der Gruppe „Lektorat first“), Ronny Müller (Lektor Sachbuch, Heyne Verlag) und Stephan Trinius (Teamleiter Digitales Programm, Bastei Lübbe).

Nachdem Felix Wolf die Teilnehmer der Runde vorgestellt hatte, wurde deutlich, dass es sehr unterschiedliche Modelle gibt, wie und ob das Lektorat in die digitalen Prozesse einbezogen wird oder nicht. Entscheidend scheinen die Ausrichtungen der Verlage, die damit verbundenen Workflows und die unterschiedlichen Interessen und Voraussetzungen der Beteiligten zu sein.

Diskussion Lektorat Lektorenverband Sabine Landes

Sabine Landes (Bild: Vedat Demirdöven)

Sabine Landes zeigte anhand von Beispielen aus der Praxis auf, welche Probleme auftreten können, wenn das Lektorat zu wenig in die digitalen Prozesse mit eingebunden wird. So wurde beispielhaft die nicht durchdachte Darstellung einer E-Book-Titelseite für eine Ankündigung genannt, bei dem der Titel „Das Raubein“ folgendermaßen getrennt worden ist: „Das Raub-ein“. Sie sprach sich für die inhaltliche Kompetenz der Lektoren aus. Sie können eine Auswahl an Metadaten treffen und wissen, welcher Zusatzinhalt bei den Produkten eingebaut werden kann, wie bei der Klappengestaltung oder dem Inhalt eines Stammbaumes in der Belletristik.

Wie wird die Situation in den Arbeitsprozessen beurteilt und was sind die eigenen Erfahrungen? Auf diese Frage, die sich an das Publikum richtete, meldete sich ein Teilnehmer mit der Einschätzung, dass die Situation vor allem im Fachbuch dramatisch sei. Die technische Abteilung, die den Inhalt bearbeitet, stehe häufig im Gegensatz zum Lektorat. Eine weitere Teilnehmerin betonte, dass neue und digitale Produkte in einer Entwicklerabteilung entstehen. Das Lektorat solle doch zumindest in die Entwicklungsprozesse einbezogen werden oder Konzepte entwickeln können.

torenverband VFLL future!publish-Diskussion Lektorat Stephan Trinius

Stephan Trinius (Bild: Vedat Demirdöven)

Im Anschluss daran ging es in der Diskussion um die Erwartungen und Anforderungen an das Lektorat. Dabei wandte sich Felix Wolf an das Podium. Stephan Trinius von Bastei Lübbe verdeutlichte, dass die Lektoren von Anfang an mit der Herstellung sprechen und Fragen der Einbindung von Abbildungen, Karten oder SMS-Nachrichten im E-Book klären.

Bei Heyne bestehen sehr strikte Workflows, die für den Bereich Sachbuch notwendig sind, so Ronny Müller. Das Lektorat entwickelt mit den Autoren eine Idee. Die primäre Zielgruppe ist auf die gedruckten Werke ausgerichtet. Die Online-Abteilung kümmert sich um Leseproben oder Interviews, es besteht wenig primäres Interesse am Digitalbereich. Diese Entkopplung ist ausdrücklich gewünscht, was Ronny Müller bedauert, da auch er gern näher an den Entwicklungen wäre.

Diskussion Lektorat Lektorenverband Susanne Franz

Susanne Franz (Bild: Vedat Demirdöven)

Susanne Franz verdeutlichte die Situation der freien Lektoren, die oft als das Ende der Kette im Workflow angesehen werden. Sie bestätigte die eingangs erwähnte Aussage, dass Verlage durchaus unterschiedlich arbeiten. Gerade als Externe muss man sich auf sehr verschiedene Spielarten einlassen können. Einige Verlage versuchen im Vorfeld, die Inhalte durch Dokumentvorlagen bzw. XML zu strukturieren. Sehr häufig wissen die internen Lektoren wenig darüber und verweisen an die Hersteller.

Sabine Landes fragte im Folgenden, ob denn Verlagsleiter die digitale Kompetenz der Lektoren fördern sollten bzw. wo die Verantwortungen für die Veränderungen aus deren Sicht liegen.

Dabei verdeutlichte Stephan Trinius, dass bei Lübbe das E-Book genauso viel wert ist wie das gedruckte Buch. Seiner Meinung nach sind im Lektorat ein Verständnis des Marktes und ein Denken aus der Sicht des Vertriebs und des Marketings wichtiger als technisches Wissen. So sind die Metadaten als bedeutend und nicht als lästig anzusehen. Im Vorfeld sollte geklärt werden, welche digitalen Anreicherungen möglich und gewünscht sind.

Diskussion Lektorat Digitalisierung

Ronny Müller (Bild: Vedat Demirdöven)

Ronny Müller sieht den Schwerpunkt für das technische Verständnis schon eher in der Herstellung als im Lektorat und ist der Ansicht, dass sich diese technischen Workflows eher an die inhaltliche Arbeit des Lektorats anschließen. So hat die Herstellung aus seiner Sicht das Know-how über die Technik und das Lektorat über die Textentwicklung.

Felix Wolf sprach die technische Kompetenz der Externen an und fragte Susanne Franz nach ihrer Ansicht. Die Lektoren sollten ihrer Meinung nach Tools bedienen können, um die Daten an die Hersteller geben zu können, und als Gesprächspartner für die Hersteller angesehen werden, die aus der Erfahrung und dem Verständnis des Inhalts die Prozesse begleiten und entwickeln. Mitunter können die Lektoren nicht mit Dokumentvorlagen umgehen, da das Wissen zu Word oder zu den technischen Hintergründen fehlt. Die Herstellung auf der anderen Seite kann oft nicht ausreichend vermitteln, warum bestimmte technische Notwendigkeiten bestehen. Diese gegenseitigen Barrieren gelte es zu beseitigen. Die Externen haben dann häufig das Problem, dass aufgrund der unterschiedlichen Einstellungen zu diesen Problemen kein Ansprechpartner zu greifen sei.

Das Verständnis darüber, welche Aufgaben die Lektoren in und für die Verlage haben, sind sehr unterschiedlich, fasste Sabine Landes zusammen. Grundsätzlich besteht ein Bedarf daran, die Lektoren für neue Systeme, Techniken und Tools zu schulen. Vom Podium wurde die Frage an das Publikum gerichtet, welche Erfahrungen bereits mit Autorensystemen o. Ä. bestehen.

Eine Mitarbeiterin eines Wissenschaftsverlages verdeutlichte, dass die Autoren häufig mit solchen Systemen überfordert sind. Der gängigste Weg ist der über umfangreiche Dokumentvorlagen. Dabei muss überlegt werden, welche Struktur das Dokument bekommt. Das geht am einfachsten mit der Anwendung von Formatvorlagen. Ein Lektor für Belletristik sprach davon, dass eine seiner Aufgaben im Verlag ist, den „Komposthaufen“ an Manuskripten sauber zu strukturieren und die aufbereiteten Daten an die Herstellung zu geben. Eine leitende Angestellte aus einem juristischen Verlag sprach ebenfalls von der erfolgreichen Anwendung von komplexen Dokumentvorlagen, die das crossmediale Publizieren ermöglicht. Ein Teilnehmer aus einem Sachbuchverlag aus dem Special-Interest-Bereich wandte ein, dass der Verlag gern ein Redaktionssystem verwenden würde, aber jeder Titel bei ihnen ein Einzelprojekt ist, das zu Beginn mit Autor, Lektor und Hersteller besprochen wird, wobei der Lektor der Projektmanager ist.

Diskussion Lektorat Felix Wolf Lektorenverband

Felix Wolf (Bild: Vedat Demirdöven)

Felix Wolf eröffnete die Schlussrunde mit der Frage nach den Lösungsansätzen für die Zusammenarbeit von Digital- und Printlektorat an das Podium. Der Teamleiter von Bastei Lübbe sah den Ansatz einer eigenen digitalen Abteilung als wichtig und am besten an, allerdings unter der Voraussetzung der extrem engen Zusammenarbeit auch mit dem Print-Lektorat. Ronny Müller würde gern mehr an Entwicklungen mitwirken oder diese unterstützen und sieht den digitalen Bereich als gute Möglichkeit an, Zusatzleistungen bieten zu können, da er viel schneller und flexibler Innovationen ermöglicht. Susanne Franz betonte in ihrem letzten Statement, dass die Innovation heruntergebrochen werden kann, aber die Lektoren ihr technisches Wissen erweitern und die Notwendigkeit der inhaltlichen Strukturierung erkennen sollten.

Die anfangs angedeutete Vielfalt hat sich in der Podiumsdiskussion bestätigt. Zahlreiche Voraussetzungen entscheiden über die Möglichkeiten der digitalen Entwicklungen, wie das Interesse der Lektoren, Aus- und Weiterbildung, Zusammenarbeit mit anderen Abteilungen, Struktur der Verlage, Briefing durch andere Abteilungen oder die Geschäftsleitung.

Großes Bild (v. l.): Ronny Müller, Felix Wolf, Sabine Landes, Susanne Franz (© Sabine Felber / Literaturtest)

Sylvia Jakuscheit (Website und Profil im Lektorenverzeichnis)

Weiterer Beitrag zur future!publish 2017: So lesen, arbeiten und publizieren wir in der Zukunft

Berichte über die erste future!publish 2016

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.