Der Lektorenverband VFLL im Literaturmuseum Marbach

Abkühlung für Bibliophile

Blaue Lippen, automatisierte Poesie und eine Axt aus Papier: Die Stuttgarter Regionalgruppe hat ihren Sommerausflug dieses Jahr nach Marbach gemacht. Im Literaturmuseum der Moderne sind die Kolleginnen in eine Menge spannender Geschichten eingetaucht.

Von Cornelia Thoellden und Thirza Albert

Wem der Sommer zu warm ist, dem empfiehlt die VFLL-Regionalgruppe (RG) Stuttgart einen Ausflug ins Marbacher Literaturmuseum der Moderne (LiMO). Um die Ausstellungsstücke zu schonen, werden sie im Dämmerlicht bei konstant kühlen 18 °C präsentiert.

Der Lektorenverband VFLL im Literaturmuseum Marbach

Das Literaturmuseum der Moderne (Foto: DLA Marbach)

In der Dauerausstellung gibt es eine Menge zu entdecken, auch wenn das vielleicht teuerste Objekt, das Manuskript von Kafkas Prozess, gerade in der Hauptstadt weilt. Sehen kann man die ersten handschriftlichen Seiten von Bernhard Schlinks Vorleser mitsamt Überarbeitungen in vorbildlicher Schönschrift. Sehr unterschiedliche Leserbriefe an Erich Kästner zu Ehren von „Pünktchen und Anton“ (so etwa ein von Kinderhand gemaltes Bild und ein von Marlene Dietrich diktiertes Telegramm). Christian Morgensterns weinseliges und erstaunlich morbides Axtbuch, das in Studententagen entstand und eigentlich nicht veröffentlicht werden sollte. Mindestens so faszinierend war auch Hans Magnus Enzensbergers Poesieautomat, der nach lautem Anzeigentafelgeratter unter anderem ein Gedicht über den morgendlichen Mundgeruch in der Ehe ausspuckte.

Was wir noch gelernt haben? Dass Martin Walser eine ziemlich unleserliche Handschrift hat. Dass der Sänger Max Herre wohl nur still schmunzeln konnte über die zahllosen schlechten Witze, die über die Liedzeile „Du bist von hinten wie von vorne A-N-N-A“ seines gleichnamigen 90er-Jahre-Hits gemacht wurden. Denn eben diese Zeile stammt gar nicht von ihm, sondern ist Kurt Schwitters’ Handschrift von „An Anna Blume“ im LiMo zu entnehmen. Und Herres Band Freundeskreis am Abend nach ihrer großen Stuttgarter Reunion ausgerechnet im Literaturmuseum in Marbach zu begegnen, das versöhnt doch zumindest ein klein wenig damit, das Konzert verpasst zu haben.

Der Lektorenverband VFLL im Literaturmuseum Marbach

Blick in die Ausstellung „Rilke und Russland“ (Bild: Chris Korner, DLA Marbach)

Diskussionen entbrannten nach unserem Besuch über die Art, wie die Exponate im von David Chipperfield designten Museum dargestellt werden. Wo ist die Barrierefreiheit, wenn zwar Treppen umgangen werden können, die Exponate in den Glaskästen dann aber auf 1,20 m Höhe von oben beschriftet sind? Was ist der Sinn oder Unsinn davon, die einzelnen Schaukästen mit subjektiven Begriffen zu „verschlagworten“, die inspirierend wirken sollen und doch zuweilen die Wahrnehmung des Exponats dahinter trüben? Einprägsamstes Beispiel war der Begriff „Schreibmaschinenprolet“ auf der Scheibe vor einer Karikatur von Bertolt Brecht aus der Feder von George Grosz.

Übrigens: Wer sich für die derzeitige Sonderausstellung „Rilke in Russland“ interessiert, der sollte sich schon vorher wirklich gut mit Rilke und mit Russland auskennen. Wir waren wohl etwas naiv, als wir dachten, das ginge auch andersherum. Einen kurzen Abriss von Rilkes Lebensstationen, ein paar überblicksartige Informationen, was ihn mit Russland verbindet, oder auch nur die Einordnung der gezeigten schlaglichtartigen Ausschnitte in einen größeren Zusammenhang sucht man vergeblich.

Der Lektorenverband VFLL in Marbach

Die Ausflüglerinnen der Regionalgruppe Stuttgart beim abschließenden Plausch im Büro von Gisela Hack-Molitor (r.). (Bild: Susanne Dahmann)

Nach der Führung haben wir aber erst mal die blauen Lippen wieder rosa werden lassen und dann ging es ab durch die Straßen Marbachs, das erstaunlich steil und erstaunlich schön ist. Ein literarischer Spaziergang voller interessanter Anekdoten wurde es, geleitet von unserer ganz eigenen Stadtführerin, unserer VFLL-Kollegin Gisela Hack-Molitor. Einfach so schüttelte sie skurrile, spannende und erstaunliche Geschichten aus dem Ärmel – über die Schiller-Statue, die aus Kanonen gegossen wurde. Über den Astronomen Tobias Mayer, der nie studierte und dennoch als Professor angesehen war. Und über die Schriftstellerin Ottilie Wildermuth, die im 19. Jahrhundert eine absolute Bestsellerautorin war, jedoch als Vertreterin der breiter gestreuten Unterhaltung keinen Einzug ins LiMO gefunden hat.

Vielen Dank an alle, die dabei waren, an die Organisatorinnen und an die beste nur denkbare Stadtführerin Gisela! Und allen einen fabulösen Sommer!

Großes Bild: Dauerausstellung „Die Seele“ (Foto: DLA Marbach)

Website und Profil im Lektorenverzeichnis von Thirza Albert

Website und Profil im Lektorenverzeichnis von Cornelia Thoellden

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